Rattengift – wenn Hunde und Katzen plötzlich schwere Symptome entwickeln, denken viele Besitzer oft als erstes an eine Vergiftung: Hat mein Hund bzw. meine Katze vielleicht Rattengift gefressen, möglicherweise sogar in Form eines Giftköders? Oder eine mit Rattengift vergiftete Maus?

Logisch: nicht immer steckt bei Hunden und Katzen eine Rattengift-Vergiftung hinter schweren Symptomen – aber wenn sie es tatsächlich tut, ist schnelles Handeln ganz entscheidend!

Erfahren Sie hier, welche Symptome bei Katzen und Hunden mit Rattengift-Vergiftung typisch sind, wie Sie sich im Falle eines Falles verhalten sollten, wie die Vergiftung behandelt werden kann und wie die Überlebenschancen sind.

Rattengift-Vergiftung bei Hund & Katze: Auf einen Blick

  • Gerinnungshemmendes Rattengift führt zu lebensbedrohlichen Blutungen
  • Wirkmechanismus: Blockade der Bildung von aktiven Gerinnungsfaktoren in der Leber durch den Verbrauch von Vitamin K
  • Verzögerter Wirkungseintritt – nach 24 bis 72 Stunden
  • Es gibt unterschiedliche Generationen von Rattengiften – das ist wichtig für die Therapiedauer

Symptome bei Hunden und Katzen mit Rattengift-Vergiftung

  • Blutungen an verschiedenen Lokalisationen
  • Großflächige Hautblutungen
  • Blutiger Harn (bei Hunden/bei Katzen)
  • Blutiger Kot (bei Hunden/bei Katzen)
  • Vergrößerter Bauchumfang
  • blutiger Husten
  • Erschwerte Atmung
  • Lähmungen
  • Krampfanfälle
  • Plötzliches Versterben

Therapie/Notfallmaßnahmen bei vermuteter oder beobachteter Rattengiftaufnahme

  • Bereits beim Verdacht der Aufnahme: Sofort ab zum Tierarzt! Je früher gehandelt wird, desto besser ist die Prognose
  • Wenn möglich die Verpackung oder den Beipackzettel des Rattengiftes mitnehmen
  • Innerhalb von 2-4 Stunden nach Aufnahme: Erbrechen auslösen
  • Innerhalb der ersten 24 Stunden: Gabe von Aktivkohle
  • Gabe von Vitamin K1
  • Bei Katzen und Hunden mit Symptomen: Stationäre Aufnahme und intensive Therapie (Sauerstoff, Bluttransfusionen, etc.) notwendig

Was ist Rattengift und wie wirkt es?

 Rattengift ist nicht gleich Rattengift

Zunächst einmal zur Orientierung: Hinter dem Begriff „Rattengift“ (Rodentizid) verbergen sich verschiedene Wirkstoffklassen. Beim „klassischen“ Rattengift handelt es sich um Stoffe, die in die Blutgerinnung eingreifen – sie werden deshalb auch als gerinnungshemmende Rattengifte (Antikoagulantien) bezeichnet. Diese Stoffe haben einen verzögerten Wirkungseintritt und führen daher oft erst mehrere Tage nach Aufnahme zu lebensbedrohlichen Blutungen.

Daneben gibt es aber auch andere Rattengifte bzw. Mäusegifte, die für unsere Hunde und Katzen gefährlich werden können – z.B. Alpha-Chloralose. Hierbei handelt es sich um ein Gift, das v.a. in der kühlen Jahreszeit eingesetzt wird. Es versetzt die Nager nämlich in eine Art Narkose und führt zur Unterkühlung, so dass die Ratten und Mäuse (und ggf. leider auch unsere Katzen und Hunde) erfrieren. Mehr zu dieser Vergiftung finden Sie hier: „Alpha-Chloralose: Vergiftung bei Katzen und Hunden„.

In diesem Artikel geht es dagegen um das „klassische“, gerinnungshemmende Rattengift – bzw. genauer gesagt darum, wie es wirkt und wieso es so wichtig ist, bei beobachteter oder vermuteter Einnahme von Rattengift durch den Hund bzw. die Katze so schnell wie möglichen einen Tierarzt aufzusuchen.

Das Wirkprinzip von „klassischem“ Rattengift

Ganz vereinfacht gesagt, verhindert gerinnungshemmendes Rattengift die Bildung von Gerinnungsfaktoren – und diese sind zwingend notwendig für eine funktionierende Blutgerinnung.

Das Rattengift erreicht das, indem es das Recycling von Vitamin K blockiert: ohne ausreichende Mengen Vitamin K kann der Körper nämlich keine neuen Gerinnungsfaktoren herstellen.

Dennoch zeigen Hunde und Katzen, die Rattengift aufgenommen haben, erst mal keine Symptome. Das liegt daran, dass dem Körper erst mal noch eine begrenzte Reserve an Gerinnungsfaktoren zur Verfügung steht.

Im Körper findet aber ständig eine Blutgerinnung statt. Sie verschließt die vielen winzig kleinen Verletzungen, die von uns unbemerkt andauernd im Körper entstehen, und verhindert, dass wir oder unsere Hunde und Katzen bei kleineren Verletzungen verbluten.

Und so verbraucht der Körper irgendwann die Reserve an Gerinnungsfaktoren. Erste Blutungszeichen treten bei Hunden und Katzen mit Rattengift-Vergiftung daher oft erst nach 36 bis 72 Stunden auf.

Wer genauer wissen will, wie gerinnungshemmende Rodentizide wirken, klickt einfach hier:

Gerinnungshemmende Rodentizide werden nach dem Fressen im Dünndarm aufgenommen und direkt zu ihrem Wirkungsort – der Leber – transportiert. Dort blockieren Sie ein Enzym namens Vitamin-K-Epoxid-Reduktase. Dieses Enzym ist zuständig für das Recycling von Vitamin K im Körper.

Schaubild Wirkprinzip von RattengiftVitamin K ist ein wichtiger Co-Faktor in der Produktion von aktiven Gerinnungsfaktoren in der Leber, wie z.B. Faktor VII, IX, X, II, und wird daher in einem großen Ausmaß benötigt.

Ist die Vitamin-K-Epoxid-Reduktase blockiert, kann der Körper ein Vitamin K-Molekül nur einmal verwenden. Der Vitamin K-Speicher des Körpers ist allerdings stark limitiert und durch die fehlende Enzymwirkung nach einer gewissen Zeit aufgebraucht.

Fehlt der Leber Vitamin K, kann diese keine aktiv wirksamen Gerinnungsfaktoren mehr produzieren.  Die Folge ist, dass dem Körper nur mehr ein begrenzter Pool an aktiven Gerinnungsfaktoren zur Verfügung steht. Die Leber kann durch die mangelhafte Vitamin K-Versorgung keine neuen aktiven Gerinnungsfaktoren nachbilden und der verfügbare Pool wird nach und nach verbraucht.

Gerinnungshemmendes Rattengift: Erste und zweite Generation

Es gibt mittlerweile eine ganze Bandbreite an gerinnungshemmenden Rattengiften, die zwar denselben Wirkmechanismus haben, aber unterschiedlich verstoffwechselt werden. Dadurch wirken sie unterschiedlich lang.

Daher ist es wichtig bei beobachteter oder vermuteter Aufnahme die Verpackung bzw. den Beipackzettel (wenn vorhanden) mit zum Tierarzt zu nehmen. So weiß dieser mit welchem Wirkstoff er es zu tun hat und kann die richtige Therapie bzw. die richtige Behandlungsdauer für den Hund bzw. die Katze empfehlen.

Dicumerol und Warfarin gehören z.B. zur ersten Generation der gerinnungshemmenden Rattengifte. Sie sind im Allgemeinen geschmack- und geruchlos und werden Rattenködern beigemischt. Sie haben eine relativ kurze Halbwertszeit. Daher müssen Ratten mehrmals von diesen Stoffen fressen, damit die gewünschte Wirkung eintritt.

Diese Stoffe erfreuten sich wegen ihrer guten Wirksamkeit einer großen Beliebtheit und wurden großflächig in der Nagerbekämpfung eingesetzt. Durch einen gewissen Selektionsdruck entwickelten die Nager allerdings Resistenzen gegen diese Stoffe.

Aus diesem Grund wurden die Rattengifte optimiert: Es wurden Derivate vom Dicumerol hergestellt, die eine deutlich längere Halbwertszeit im Körper haben. Dadurch reicht schon eine einmalige Aufnahme aus, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Diese Stoffe zählt man zu den Rattengiften der zweiten Generation.

Bromadiolon z.B. gehört zur zweiten Generation der Rattengifte und hat bei Hunden eine Halbwertzeit von 6 Tagen. Zum Vergleich: Warfarin hat eine Halbwertszeit von nur 15 Stunden.

Es gibt übrigens leider keine allgemein gültige Farbkodierung der verwendeten Wirkstoffe von Rattengiften!

Wie kommt es zu einer Vergiftung mit Rattengift bei Hunden und Katzen?

Fressen Hunde und Katzen Rattengift?

Bis 2011 war Rattengift als loses Granulat auch für Privathaushalte erhältlich. Dieses wurde von Nagern sehr gerne in ihren Nestern gehortet.

Hunde neigen natürlich mit ihren Superspürnasen dazu, solche Nester leicht aufzustöbern und die Köder – da ihnen schmackhafte Mittel beigemengt sind – auch gerne einmal zu fressen.

Um die Gefahr von Vergiftungen von Haustieren oder Kindern so klein wie möglich zu halten, werden heutzutage nur mehr manipulations-stabile Ködercontainer und kein Streugranulat mehr verkauft. Außerdem wurde der Gebrauch von Rattengiften der zweiten Generation auf den professionellen Einsatz beschränkt.

Leider gibt es aber noch so manche „Altlasten“ in der einen oder anderen Garage oder Gartenschuppen, die vor sich hinschlummern. Gelangen Hunde oder Katzen an diesen Vorrat kann es dann schon mal zu einer Rattengift-Vergiftung kommen.

Fressen Hunde und Katzen vergiftete Mäuse bzw. Ratten?

An sich sind Katzen durch ihren eher exquisiten Geschmack und ihr wählerisches Fressverhalten nicht so anfällig für eine zufällige Aufnahme von Rattengift.

Durch die längere Halbwertszeit und die mögliche Ablagerung von Rattengiften der zweiten Generation in verendeten Nagern könnte es allerdings dazu kommen, dass eine Katze eine frisch verendete vergiftete Ratte frisst und dadurch Rattengift aufnimmt.  Dies nennt man eine Sekundär-Vergiftung.

Zum Glück ist dies – wegen der sehr geringen Menge an Gift, das sich in einem vergifteten Nager befindet – eher selten. Bei kleinen Tieren, wie z.B. Katze oder Raubvögel, bei denen ein Großteil der täglichen Nahrung aus Nagern besteht, ist die Aufnahme von einer ausreichend großen Menge an vergifteten Mäusen bzw. Ratten jedoch möglich.

Hund/Katze hat Rattengift gefressen – was jetzt?

Es ist wichtig daran zu denken, dass die Wirkung von gerinnungshemmendem Rattengift verzögert einsetzt. Das heißt, auch wenn Ihr Hund/Ihre Katze erst mal keine Symptome zeigt: Wenn Sie die Aufnahme von Rattengift beobachtet haben oder vermuten, handelt es sich auf jeden Fall um einen Notfall!

Suchen Sie daher unverzüglich den nächsten Tierarzt auf, damit dieser die erforderlichen Notfallmaßnahmen einleitet! Innerhalb der ersten 2-4 Stunden kann der Tierarzt Ihren Hund bzw. Ihre Katze nämlich noch erbrechen lassen, so dass es seine fatale Wirkung hoffentlich gar nicht erst (oder zumindest weniger stark) entfalten kann.

Wenn vorhanden, ist das Mitbringen der Rattengift-Verpackung bzw. des Beipackzettels sehr hilfreich. So kann Ihr Tierarzt beurteilen, zu welcher Generation das verwendete Rodentizid gehört und wie lang die zu erwartende Therapiedauer ist.

Symptome bei Hunden und Katzen mit Rattengift-Vergiftung

Rattengift kann bei Hunden und Katzen unterschiedliche Symptome verursachen – je nachdem, an welcher Stelle es zu einer Blutung kommt.

Generell können diese überall am Körper auftreten, z.B. als äußerlich sichtbare Blutungen, wie Hämatome („blaue Flecken“, großflächige Hautblutungen), Nasenbluten (beim Hund/bei der Katze), blutiger Harn (beim Hund/bei der Katze) oder blutigen Kot (beim Hund/bei der Katze).

Es kann aber auch zu innerlichen Blutungen, z.B. in große Körperhöhlen (Brust- oder Bauchraum) oder in lebenswichtige Organe, wie Lunge, Gehirn oder Rückenmark, kommen.

Die dadurch verursachten Symptome können anfänglich sehr vage und schwer erkennbar sein, führen aber – abhängig vom Blutverlust und der betroffenen Organe – z.B. zu

  • Abgeschlagenheit,
  • Appetitlosigkeit,
  • erschwerter Atmung,
  • Husten von Blut,
  • einem vergrößerten Baumumfang
  • zentralnervösen Ausfällen, wie Lähmungen und Krämpfen.

Im schlimmsten Fall kann es zum akuten Versterben des Hundes bzw. der Katze kommen.

Vergiftung mit Rattengift bei Hunden und Katzen: Behandlung

Fall 1: Die Rattengift-Aufnahme liegt erst kurz zurück

Innerhalb der ersten 2-4 Stunden nach Aufnahme von Rattengift ist es sinnvoll, den Hund oder die Katze erbrechen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt kann das Rattengift so noch (teilweise) aus dem Körper entfernt werden, bevor es seine schädliche Wirkung entfaltet.

Anschließend sollte den betroffenen Hunden und Katzen Aktivkohle mit einem besonders schmackhaften Futter verabreicht werden. Aktivkohle bindet das im Darm vorhandene Rattengift und verhindert bzw. reduziert somit die Aufnahme in die Blutbahn.

Anschließend sollten auf jeden Fall die Gerinnungszeiten (Messwerte, die Auskunft über den Zustand der Blutgerinnung geben) kontrolliert werden. Jedoch auch hier noch einmal zur Erinnerung: je kürzer die Aufnahme zurückliegt, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Gerinnungszeiten noch normal sind.

Wegen dem verzögerten Wirkungsprinzip sollten die Gerinnungszeiten in den drei Tagen nach einer beobachteten oder vermuteten Rattengift Aufnahme also immer wieder kontrolliert werden. Außerdem sollte Ihr Haustier gut auf Auffälligkeiten hin beobachtet werden.

Möglichkeit 2: Die Rattengift-Aufnahme ist schon länger her

Liegt die Aufnahme von Rattengift schon länger zurück und zeigt der Hund oder die Katze evtl. schon Symptome, ist das Auslösen von Erbrechen nicht mehr ratsam. Es muss dann schnellstmöglich gehandelt werden.

Zur Therapie von Vergiftungen mit „klassischem“, gerinnungshemmendem Rattengift wird bei Hunden und Katzen Vitamin K1 eingesetzt. In der Regel sprechen die betroffenen Tiere innerhalb weniger Tage auf diese Behandlung an.

Wichtig ist hierbei aber die Länge der Therapie. Gerade bei Rattengiften der zweiten Generation, die eine Wirkdauer von bis zu vier Wochen haben können, muss die Gabe von Vitamin K1 entsprechend lange durchgeführt werden. Da Vitamin K1 zu den fettlöslichen Vitaminen gehört, kann es vom Körper mit fettreicher Nahrung besonders gut aufgenommen werden.

Während dieser Zeit sollten Sie Ihren Liebling möglichst schonen – also an der Leine führen, nicht abenteuerlich hinauf oder herunter springen und nicht wild mit anderen vierbeinigen Freunden spielen lassen.

Hunde und Katzen, die bereits Symptome zeigen, sollten stationär behandelt werden, da Sie besonderer Überwachung und Therapie bedürfen. Abhängig davon, wie stark der Blutverlust und wie schwerwiegend die Entgleisung der Blutgerinnung ist, kann auch eine Transfusion von speziellen Blutprodukten, wie z.B. frischem Vollblut oder Fresh Frozen Plasma notwendig sein. Dies sind spezielle Therapien, die i.d.R. nur spezialisierte Tierkliniken durchführen können, die Zugang zu einer Blutbank haben.

Prognose: Überlebt eine Katze/ein Hund Rattengift?

Die Prognose für Tiere, die Rattengift aufgenommen haben, variiert je nachdem, wann die entsprechenden Notfallmaßnahmen gestartet wurden.

Hunde und Katzen, bei denen eine Therapie gestartet wurde, bevor sich klinische Zeichen entwickeln konnten, haben in der Regel eine hervorragende Prognose.

Deutlich vorsichtiger hingegen ist die Prognose bei Hunden und Katzen, die schon mit Blutungen und entsprechenden Symptomen beim Tierarzt vorgestellt werden. Sie ist dann auch abhängig von der Schwere und dem Ort der Blutung.

Wenn Ihr Hund bzw. Ihre Katze eine Rattengift-Vergiftung überstanden hat, sollten Sie versuchen, die Giftquelle zu finden und zu entfernen bzw. zu meiden – z.B. indem Sie die Garage oder den Keller nach alten Rattengift-Resten durchsuchen, mit den Nachbarn sprechen oder Ihre Gassirunde so anpassen, dass Sie nicht an Gefahrenquellen vorbeikommen.

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