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Semintra, Fortekor und Co bei allen Katzen mit CNI sinnvoll?

Frage der Woche vom 25.02.2018

//Semintra, Fortekor und Co bei allen Katzen mit CNI sinnvoll?

Frage:

In meinem Freundeskreis gibt es mehrere Katzen, die an Niereninsuffizienz erkrankt sind und die trotz ähnlicher Blutwerte (Ende von IRIS-Stadium 2) unterschiedlich therapiert werden. Gibt es Studien/empirische Befunde, die belegen, dass sich die Gabe von ACE-Hemmern oder Angiotensin-II-Rezeptorblockern zur Behandlung der CNI bei der Katze grundsätzlich lohnt oder sollte sie nur dann erfolgen, wenn eine Katze nachweislich unter Bluthochdruck und/oder einer Proteinurie leidet?

Unsere Antwort:

Diese Frage ist wirklich spannend – Sie werden gleich sehen wieso! Vorher kann allerdings jeder, der ein bisschen Hintergrundwissen zur Frage braucht, hier nachlesen, was ein IRIS-Stadium ist, was Bluthochdruck und Proteinurie mit der CNI zu tun haben und was ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker sind:

IRIS-Stadien

Bei Katzen wird die chronische Niereninsuffizienz (CNI) – abhängig vom Kreatinin-Gehalt (ein Nierenwert) im Blut – in 4 Erkrankungsstadien, die sogenannten IRIS-Stadien (IRIS = International Renal Interest Society), eingeteilt. Dabei steht IRIS-Stadium 1 für ein sehr frühes Erkrankungsstadium, in Stadium 4 ist die Nierenfunktion bereits massiv eingeschränkt. Die allermeisten Katzen zeigen erst ab IRIS-Stadium 2 Symptome – deswegen wird die CNI meist erst diagnostiziert, wenn die Krankheit sich bereits in diesem Stadium befindet. Insgesamt gilt IRIS-Stadium 2, wie es bei den Katzen aus der Frage vorliegt, noch als relativ früh in der Erkrankung (Mehr Informationen zu den Erkrankungsstadien finden Sie hier: Einteilung der Niereninsuffizienz).

Bluthochdruck und Proteinurie

Viele Katzen, die an einer Niereninsuffizienz leiden, entwickeln zusätzlich Bluthochdruck oder eine sog. Proteinurie (Ausscheidung von Eiweißen, also Proteinen, mit dem Urin). Als Folge des Bluthochdrucks können schwere Organschäden auftreten (z.B. Erblindung oder Herzerkrankungen). Die Proteinurie scheint dagegen die Nieren weiter zu schädigen. Aus diesem Grund sollte bei Katzen mit Niereninsuffizienz immer auch der Blutdruck gemessen und die Menge an Proteinen im Urin bestimmt werden (Messung des sog. UP/C). Eine Proteinurie liegt vor, wenn der UP/C über 0,4 liegt (unter 0,2: keine Proteinurie; zwischen 0,2 und 0,4: grenzwertig, erneute Messung nach 2 Monaten). Ab einem Blutdruck von 150 mmHg wird bei Katzen von Bluthochdruck gesprochen. Mehr Informationen zu Bluthochdruck und Proteinurie finden Sie ebenfalls hier: Einteilung der Niereninsuffizienz.

ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker

ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker werden bei CNI-Katzen v.a. zur Verringerung der Proteinurie eingesetzt, obwohl sie auch den Bluthochdruck vermindern. Ein häufig eingesetzter ACE-Hemmer ist Benazepril (z.B. in Fortekor®, Benazecare®, Benakor®). Als Angiotensin-II-Rezeptorblocker wird bei Katzen mit CNI v.a. Telmisartan (z.B. in Semintra®) eingesetzt. Mehr zu ACE-Hemmern und Angiotensin-II-Rezeptorblockern können Sie hier nachlesen: Behandlung der chronischen Niereninsuffizienz  (Abschnitt „Behandlung des Bluthochdrucks und der Proteinausscheidung über die Nieren“).

Jetzt also zur Frage: sind ACE-Hemmer oder Angiotensin-II-Rezeptorblocker bei CNI-Katzen ohne Proteinurie und/oder Bluthochdruck sinnvoll?

Kurz gesagt: eher Nein. So ganz klar ist die Sachlage allerdings noch nicht.

2006 wurde von einer Gruppe Forscher eine Studie (Placebo-kontrollierte Doppelblindstudie) veröffentlicht, in der 192 Katzen mit CNI (mindestens IRIS-Stadium 2; mit oder ohne Proteinurie bzw. Bluthochdruck) bis zu 3 Jahre lang begleitet wurden (Nachzulesen ist diese Studie hier). Die Katzen wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Die Katzen der ersten Gruppe erhielten über die gesamte Studiendauer Benazepril (also einen ACE-Hemmer), die aus der zweiten Gruppe ein Placebo. In regelmäßigen Abständen wurden die Katzen untersucht.

Es zeigte sich, dass in der Benazepril-Gruppe sogar bei Katzen ohne Proteinurie (UP/C <0,2) der UP/C weiter absank. Das KÖNNTE dafür sprechen, dass zumindest bei einigen CNI-Katzen ohne Proteinurie schon ein Bluthochdruck in den Nieren vorliegt – und eine Behandlung mit ACE-Hemmern oder Angiotensin-II-Rezeptorblockern Sinn macht. Andererseits lebten die CNI-Katzen, die den ACE-Hemmer erhielten, nicht länger als die Katzen, die ein Placebo bekamen. Das spricht also wiederum eher dafür, dass eine Behandlung bei Katzen ohne Proteinurie und ohne Bluthochdruck sinnlos ist.

Auch wenn man andere Untersuchungen betrachtet, gibt es heute noch keine klaren Beweise dafür, ab welchem Punkt genau die Gabe von Semintra®, Fortekor® und anderen ACE-Hemmern/Angiotensin-II-Rezeptorblockern Sinn macht.

Experten empfehlen aktuell eine Behandlung bei CNI-Katzen mit einem anhaltenden UP/C über 0,4 oder einem Blutdruck von über 160 mmHg. Katzen mit UP/C zwischen 0,2 und 0,4 sollten engmaschig überwacht und alle 2 Monate erneut untersucht werden (Empfehlungen der International Renal Interest Society, IRIS; International Society of Feline Medicine, ISFM; American College of Veterinary Internal Medicine, ACVIM. Die aktuellsten IRIS-Behandlungsempfehlungen sind für jeden hier frei verfügbar).

Manche Tierärzte beginnen schon bei niereninsuffizienten Katzen mit einem andauernden UP/C über 0,2 mit der Therapie. Es gibt durchaus nachvollziehbare Gründe für dieses Vorgehen, aus Expertensicht ist das deswegen in Ordnung.

Für eine Behandlung von nierenkranken Katzen ganz ohne Proteinurie (UP/C unter 0,2) und ohne Bluthochdruck spricht im Moment allerdings wirklich eher wenig. Weil jedes Medikament Nebenwirkungen haben kann (auch wenn ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker von Katzen mit CNI im Allgemeinen sehr gut vertragen werden), wird deswegen aktuell bei CNI-Katzen ohne Proteinurie und ohne Bluthochdruck von einer Behandlung mit Semintra®, Fortekor®, etc. abgeraten.

Wichtiger ist es, auch mit Katzen in frühen Erkrankungsstadien und ohne Proteinurie bzw. Bluthochdruck, regelmäßig (alle 3-6 Monate) zur Kontrolle zum Tierarzt zu gehen. Dann kann früh erkannt werden, wenn sich diese Komplikationen doch noch ergeben – und eine dann sinnvolle Behandlung erfolgen.

Sie möchten unseren Tierärzten gerne selber eine Frage stellen? Dann hier entlang!
Quellen

25. Februar 2018

Von Dr. Iris Wagner-Storz

2018-07-03T09:28:17+00:00

Über den Autor:

Als ursprüngliche Schwäbin bin ich 2007 nach München gezogen um Tiermedizin an der LMU zu studieren. Anschließend hab ich meine Doktorarbeit in der Dermatologie der Medizinischen Kleintierklinik München geschrieben – über eine neue Art der Immuntherapie bei Hunden mit Umweltallergie. Meine Lieblingsbereiche sind die Dermatologie, die Innere Medizin und Infektionskrankheiten. Ich bin stolze Dosenöffnerin für meine beiden Miezen Nini und Clyde, liebe alle Tiere (Katzen aber natürlich besonders) und habe eine Schwäche für Kuchen.