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Katze: IBD (Chronische Darmentzündung) oder ’nur‘ Futterunverträglichkeit?

Frage der Woche vom 01.07.2018

//Katze: IBD (Chronische Darmentzündung) oder ’nur‘ Futterunverträglichkeit?

Frage:

Vor 2 Jahren hat meine Katze Durchfall bekommen, sodass wir mit ihr zum Tierarzt sind. Sie wurde zunächst mit einem Antibiotikum und Kortison behandelt. Dies hat leider nicht richtig gefruchtet, worauf Blut und Kot mehrmals untersucht wurden. Es waren nur die Eosinophilen erhöht. Röntgen und Ultraschall brachten hervor, dass die Darmschleimhäute etwas dicker sind. Wir haben nun mehrere Futtersorten durch, um eine Futterunverträglichkeit zu testen, aber ohne Erfolg. Sie ist auch recht wählerisch, was Nassfutter angeht. Das braucht sie aber unbedingt zur Verdauung, da sie langes Fell hat und dann wiederum zu Verstopfung neigt, wenn es nicht ’nass‘ genug ist. Ich bin ratlos und hoffe auf Tipps.

Infobox IBD:

Die IBD (intestinal bowel disease) ist eine chronische Darmentzündung, bei der die betroffenen Katzen (und Hunde) an Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Durchfall und Erbrechen leiden. Dabei treten die Symptome oft schubweise auf.

Man nimmt an, dass ganz viele verschiedene Faktoren bei der IBD eine Rolle spielen: Vermutlich besteht bei den betroffenen Tieren eine genetische Veranlagung, die dazu führt, dass die normale Keimflora im Darm als Bedrohung angesehen und bekämpft wird. Die Folge ist eine chronische Entzündung und eine Veränderung der Mikroflora im Darm.

Umweltfaktoren, wie bestimmte Futterinhaltsstoffe (z.B. Proteine in Fleisch, Gluten, Konservierungsmittel und Farbstoffe), Magen-Darm-Erreger oder Medikamente (z.B. Cortison-Präparate, Schmerzmittel/Entzündungshemmer und Antibiotika), können dann die IBD-Erkrankung auslösen oder zu akuten Schüben führen.

Die IBD ist nicht heilbar, mit der passenden Therapie haben Katzen aber eine gute bis sehr gute Lebensqualität und i.d.R. auch keine verringerte Lebenserwartung.

Unsere Antwort:

Die IBD ist eine wirklich komplizierte und frustrierende Erkrankung – v.a. wenn keine Behandlung anschlägt!

Es ist aber leider gar nicht so einfach, etwas zu Ihrem Fall zu sagen, ohne auch die Details zu kennen – z.B. genau welche Untersuchungen schon durchgeführt wurden. Eines der Probleme bei der IBD ist nämlich, dass es sich um eine sog. Ausschlussdiagnose handelt. Es gibt also keinen Test, den man einfach durchführen kann, um die Diagnose „IBD“ zu stellen – stattdessen müssen alle anderen möglichen Ursachen für die Symptome ausgeschlossen werden.

Ausschluss anderer Ursachen

Als Differentialdiagnosen (also Alternativdiagnosen) kommen u.a. in Frage:

  • eine „reine“ Futtermittelallergie/-unverträglichkeit,
  • eine Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose),
  • eine Nieren- oder Leberinsuffizienz,
  • Magen-Darm-Parasiten,
  • die beiden Infektionskrankheiten FIV und FeLV
  • eine exokrine Pankreasinsuffizienz (dabei kann die Bauchspeicheldrüse nicht mehr ausreichend Verdauungsenzyme produzieren)
  • aber leider auch ein sog. intestinales Lymphom, also eine Darmkrebserkrankung.

Bei Katzen mit Verdacht auf IBD sollte deswegen neben einem „normalen“ Blutbild und den Standard-Organwerten u.a. auch eine Urinuntersuchung, eine Kotuntersuchung, ein FIV- und FeLV-Test, eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums sowie eine Bestimmung des Schilddrüsenwerts T4 und ggf. der Bauchspeicheldrüsenwerte fPLI und fTLI erfolgen.

Tipp 1: Wenn einige dieser Untersuchungen bei Ihrer Katze noch nicht durchgeführt wurden, sollten Sie mit Ihrem Tierarzt besprechen, ob Sie sie vielleicht noch nachholen lassen – denn möglicherweise hilft bei Ihrer Katze nichts, weil doch eine andere Erkrankung dahintersteckt.

Ausschlussdiät

Zur Diagnose gehört unbedingt auch immer eine Ausschlussdiät – nur so kann festgestellt werden, ob Futtermittel eine Rolle bei der Erkrankung spielen bzw. sogar eine reine Futtermittelallergie/-unverträglichkeit hinter der Darmentzündung steckt. Bei IBD-Verdacht wird empfohlen, über i.d.R. 2 Wochen ein spezielles Futter zu geben, dass nur eine Proteinquelle und eine gut verdauliche Kohlenhydratquelle enthält, welche die Katze beide noch nie gefressen hat (also z.B. Pferdefleisch, Wachtel, Antilope, Strauß, o.ä. und Süßkartoffeln, Hirse, o.ä.).

In dieser Zeit darf die Katze nichts, aber auch wirklich gar nichts anderes erhalten – keine Leckerlis, Vitaminpasten, Tischreste o.ä. (Mehr Infos zur Ausschlussdiät und was dabei beachtet werden muss, finden Sie hier). Spielen Futtermittel bei der IBD eine Rolle, sollten sich die Symptome bessern (i.d.R. innerhalb von 2-3 Tagen; dabei kommt es aber auch drauf an, wie häufig die Katze vorher Symptome hatte).

Tipp 2: Überprüfen Sie noch mal genau, ob die Ausschlussdiät bei Ihrer Katze wirklich strikt durchgeführt wurde und ob ihre Katze die beiden Inhaltsstoffe wirklich noch nicht kannte. Wenn Sie Zweifel haben, sollten Sie die Ausschlussdiät wiederholen. Aber auch sonst kann ein weiterer Versuch Sinn machen – und zwar mit einer selbstgekochten Diät. Sehr oft sind in Fertigfuttermitteln nämlich Inhaltsstoffe enthalten, die nicht auf dem Etikett angegeben sind (z.B. Rindfleisch in Futter, das angeblich nur Pferd und Kartoffel enthält). Außerdem können Katzen theoretisch auch auf die Zusatzstoffe in kommerziellem Fertigfutter reagieren. Wenn Sie die Diät selbst kochen, wissen Sie ganz genau was drin ist und können Verunreinigungen und Konservierungsmittel ausschließen. Die Mühe könnte sich wirklich lohnen, der Hälfte der Katzen mit IBD geht es nämlich schon allein durch die Futterumstellung perfekt!

Histopathologische Untersuchung von Darmgewebe

Wie schon erwähnt, kann ein intestinales Lymphom, also eine Krebserkrankung, leider ganz gleich aussehen wie eine IBD. Sie ist somit – neben der Futtermittelallergie/-unverträglichkeit – eine der Haupt-Differentialdiagnosen zur IBD.

Um die beiden Krankheiten sicher voneinander zu unterscheiden – und auch um die Diagnose IBD endgültig zu stellen – ist eine genaue histopathologische Untersuchung von Gewebestücken aus der Darmwand nötig. Anhand dieser sog. Biopsien kann auch die Art und der Schweregrad der Darmentzündung festgestellt werden. Die benötigten Biopsien werden i.d.R. endoskopisch genommen, d.h. es wird eine lange Kamera in den Darm eingeführt. Dazu ist eine Vollnarkose nötig.

Tipp 3: Wenn Sie sicher wissen wollen, ob Ihre Katze wirklich an einer IBD leidet und eine Krebserkrankung ausschließen wollen, sollten Sie unbedingt über eine Endoskopie und histopathologische Untersuchung nachdenken! Zwar ist eine Vollnarkose nötig und es ist natürlich auch kein unerheblicher Kostenfaktor, die IBD und das intestinale Lymphom haben aber sehr unterschiedliche Prognosen (IBD: gut, keine Einschränkung der Lebenserwartung; Krebserkrankung: vorsichtige bis schlechte Prognose) und werden auch unterschiedlich behandelt. Es wäre also gut, da Sicherheit zu haben.

Behandlung der IBD bei der Katze

Die Behandlung der IBD beinhaltet dann i.d.R. eine Versuchsbehandlung gegen Magen-Darm-Parasiten (diese sollte auch wirksam gegen sog. Protozoen, wie z.B. Giardien, sein) sowie eine dauerhafte Futterumstellung (Futterzusammensetzung wie bei der Ausschlussdiät). Auch eine mehrwöchige Versuchsbehandlung mit einem Antibiotikum wird i.d.R. standardmäßig durchgeführt (manche Katzen benötigen auch danach bei akuten Schüben immer mal wieder über 1-2 Wochen Antibiotika).

Wenn die Futterumstellung und die Antibiotika-Gabe keine Besserung bringen oder die IBD-Symptome sehr schwer sind, kommen Medikamente zum Einsatz, die das Immunsystem unterdrücken (sog. Immunsuppressiva wie z.B. Prednisolon, also ein Cortison-Präparat). Auch diese werden i.d.R. über mehrere Wochen gegeben und dann langsam ausgeschlichen (d.h. die Dosis wird so lange langsam reduziert, bis die niedrigste Dosis erreicht wird, bei der es der Katze noch gut geht). Wenn eine Katze darauf nicht anspricht, können auch stärkere Immunsuppressiva eingesetzt werden – vorher sollte man aber noch mal genau überprüfen, ob bei der Diagnose nichts übersehen wurde!

Es gibt aber auch einige unterstützende Medikamente und Mittel, die einer Katze mit IBD helfen können:

  • Vitamin B12 (Cobalamin) und Folat

    Viele Katzen mit IBD können durch die Darmentzündung nicht mehr genug Vit. B12 und/oder Folat aus der Nahrung aufnehmen, so dass es zu einem Vitaminmangel kommt. Das verschlechtert die Symptome aber noch weiter. Bei Katzen mit IBD(-Verdacht) sollten deswegen unbedingt die Blutspiegel dieser Vitamine bestimmt werden. Bei einem Mangel können (und sollten) Vit. B12 und Folat dann ergänzt werden. Wenn die Katze darauf anspricht, sollte die Katze einen besseren Appetit entwickeln, wieder Gewicht zunehmen und/oder unter weniger Episoden mit Durchfall/Erbrechen leiden.

  • Fischöl

    Die essentiellen Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren) in Fischöl helfen als Radikalfänger gegen die Darmentzündung. Katzen erhalten ca. 50 mg Fischöl pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag (Dosierung mit Tierarzt besprechen).

  • Lösliche Ballaststoffe (z.B. Flohsamen)

    Katzen, bei denen eher der Dickdarm von der IBD bzw. Darmentzündung betroffen ist (diese zeigen häufig Schleim u./o. Blut im Kot und haben Schwierigkeiten beim Kotabsatz), können von löslichen Ballaststoffen profitieren (z.B. Flohsamen: ¼ Teelöffel pro Mahlzeit, zum Futter dazugeben). Diese dienen auch als Präbiotikum (s.u.) und können Verstopfungen vorbeugen.

  • Probiotika (und Präbiotika)

    Als Probiotika werden lebendige, „gute“ Bakterien bezeichnet, die die Darmflora verbessern können (z.B. Enterococcus faecium in Fortiflora®). Präbiotika sind dagegen unverdauliche Kohlenhydrate, die diesen guten Bakterien als Nahrung dienen und so deren Wachstum fördern (z.B. Flohsamen, Fructooligosaccharide, Inulin). Probiotika sollten theoretisch die „schlechten“ Bakterien im Darm verdrängen, die Barrierefunktion des Darms verbessern und die entzündungsfördernden Botenstoffe verringern. Ihre Wirksamkeit ist zwar noch nicht klinisch bewiesen, es wird aber davon ausgegangen, dass sie bei IBD helfen sollten. Wenn man einen Versuch starten will, sollten sie über mind. 6-8 Wochen verabreicht werden. Wenn sie helfen, können sie dann dauerhaft gegeben werden.

Tipp 4: Vielleicht können diese Mittel Ihrer Katze helfen? Besprechen Sie es doch am besten Mal mit Ihrem Tierarzt. Um zu überprüfen, ob sich die Symptome bessern, können Sie übrigens auch ein Symptom-Tagebuch führen: Beobachten sie Ihre Katze und notieren Sie (z.B. täglich) einen Wert von 0 bis 3 (0 = wie bei gesunder Katze; 3= stark verändert) für die Faktoren Aktivität/Verhalten, Appetit, Erbrechen, Durchfall und Gewichtsverlust.

Spezialisten für Darmerkrankungen

Leider kommt es bei der IBD immer wieder zu akuten Schüben und es ist auch einiges an Geduld nötig, während verschiedene Behandlungen und Futtermittel ausprobiert werden. Damit es nicht unnötig lange dauert, hier noch unser letzter Tipp:

Tipp 5: Gerade bei komplizierten Fällen oder wenn gar nichts zu helfen scheint, kann es sehr hilfreich und sinnvoll sein, sich an einen Spezialisten zu wenden. Wenn wir Menschen an einer schweren Erkrankung leiden, erwarten wir schließlich auch nicht von unserem Hausarzt, dass er sich perfekt auskennt und uns ideal behandeln kann.

Im Falle von IBD sollte sich der Experte auf Innere Medizin spezialisiert haben und idealerweise ein besonderes Interesse an Gastroenterologie haben. Dabei sind sog. Diplomates die am höchsten qualifizierten Experten. Was Diplomates eigentlich sind und welche anderen Qualifizierungsgrade es gibt, erfahren Sie hier: Spezialisten in der Tiermedizin – Diplomate, Fachtierarzt und Co.

Wir hoffen, wir konnten Ihnen mit diesen Tipps ein bisschen weiterhelfen, und drücken Ihnen alle Daumen und Pfoten, dass es Ihrer Katze bald wieder besser geht!

Sie möchten unseren Tierärzten gerne selber eine Frage stellen? Dann hier entlang!
Quellen

01. Juli 2018

Von Dr. Iris Wagner-Storz

2018-07-25T15:53:14+00:00

Über den Autor:

Als ursprüngliche Schwäbin bin ich 2007 nach München gezogen um Tiermedizin an der LMU zu studieren. Anschließend hab ich meine Doktorarbeit in der Dermatologie der Medizinischen Kleintierklinik München geschrieben – über eine neue Art der Immuntherapie bei Hunden mit Umweltallergie. Meine Lieblingsbereiche sind die Dermatologie, die Innere Medizin und Infektionskrankheiten. Ich bin stolze Dosenöffnerin für meine beiden Miezen Nini und Clyde, liebe alle Tiere (Katzen aber natürlich besonders) und habe eine Schwäche für Kuchen.