Die Schilddrüsenüberfunktion der Katze: Viele aufmerksame Katzen-Besitzer haben schon einmal von dieser, auch als „Hyperthyreose“ bekannten, Krankheit gehört. Das liegt daran, dass es sich hierbei um die häufigste Krankheit des Hormonsystems bei älteren Katzen handelt.

Dabei sind die gängigsten Symptome einer Hyperthyreose bei Katzen Gewichtsabnahme trotz gleichgebliebenem Appetit oder sogar Heißhunger, vermehrtes Trinken und/oder Erbrechen.

Erfahren Sie hier von Tierärzten alles, was Sie zu den Ursachen, der Behandlung (z.B. mit Tabletten, Salbe oder Radiojodtherapie), der Ernährung und Prognose von Katzen mit Schilddrüsenüberfunktion wissen sollten!

Schilddrüsenüberfunktion (Katze): Zusammenfassung

  • Häufigkeit der Erkrankung: Sehr häufig

  • Schwere der Erkrankung: Abhängig vom Krankheitsstadium

  • Vorkommen: V.a. ältere Katzen ab 8 Jahren, gelegentlich auch jüngere Tiere

  • Ansteckungsgefahr: Nicht ansteckend für Tiere oder Menschen

  • Typische Symptome: Gewichtsabnahme trotz erhaltenem/gesteigertem Appetit, vermehrtes Trinken & vermehrter Harnabsatz, Erbrechen, Hyperaktivität oder Teilnahmslosigkeit, Durchfall, Veränderungen der Haut und des Fells, Erblinden, zunehmende Aggressivität

  • Verlauf: Abhängig von der Therapie

  • Diagnose: Blutuntersuchung (T4-Wert), Szintigraphie

  • Behandlungsmöglichkeiten: Mehrere Optionen, z.B. Tabletten, Salbe, spezielles Futter, Radiojodtherapie

  • Prognose: Unterschiedlich; abhängig von Begleiterkrankungen und der gewählten Behandlung

  • Zuständige Spezialisten: Spezialisten für Innere Medizin

Beschreibung

Viele unserer Katzen erkranken im höheren Alter an einer Schilddrüsenüberfunktion/Hyperthyreose (ganz im Gegensatz zu älteren Hunden, die oft an einer Schilddrüsenunterfunktion leiden).

Dabei handelt es sich – wie der Name schon sagt – um eine Erkrankung, bei der die Schilddrüse mehr macht, als sie eigentlich sollte. Genauer gesagt, stellt sie zu viele sogenannte Schilddrüsenhormone her.

Leider kann diese Überproduktion schwere und sogar lebensgefährliche Folgen für den Körper haben (Siehe unten „Welche Aufgabe hat die Schilddrüse im Körper der Katze?“).

Dabei steckt bei Katzen meist ein gutartiger Tumor der Schilddrüse hinter der Schilddrüsenüberfunktion.

Übrigens, eine immunbedingte Schilddrüsen-Fehlfunktion wie beim Menschen (Morbus Basedow, Hashimoto) wurde bei Katzen bis dato nicht nachgewiesen.

Wo ist die Schilddrüse bei der Katze?

So wie Menschen, Hunde und viele andere Tiere haben auch Katzen eine Schilddrüse. Dieses Organ befindet sich am Hals ein kleines Stück unter dem Kehlkopf und besteht aus zwei Drüsenlappen, die jeweils links und rechts seitlich der Luftröhre liegen. Bei einer gesunden Katze sind diese Lappen kleiner als eine Erbse.

Allerdings sind Katzen – wie wir alle wissen – immer speziell und halten sich nicht gerne an allgemein gültige Regeln – und das ist auch in der Biologie so! Daher kann es vorkommen, dass Katzen sogenanntes „versprengtes Schilddrüsengewebe“ haben (= „ektopes Gewebe“).

Es handelt sich hierbei um Schilddrüsengewebe, welches sich mal mehr, mal weniger weit weg von seiner anatomisch korrekten Position befindet – und das kann auch im Brustkorb sein! Das ist vor allem bei Katzen der Fall, die bereits längere Zeit an einer Schilddrüsen-Überfunktion leiden.

Welche Aufgabe hat die Schilddrüse im Körper der Katze?

Die Aufgabe der Schilddrüse besteht darin, Hormone zu produzieren und über das Blut im gesamten Körper zu verteilen.  Diese Hormone sind u.a. T4 (Tetrajodthyronin) und T3 (Trijodthyronin). Wie man schon am vollen Namen der Hormone lesen kann, ist Jod für ihre Bildung essentiell.

T4 und T3 sind wichtig, da sie viele Stoffwechselvorgänge im Körper steuern: Sie sind nicht nur für den Eiweiß-, Kohlehydrat- und Fettstoffwechsel mitverantwortlich, sondern regulieren zusätzlich auch

  • den Sauerstoffverbrauch,
  • den Wärmeumsatz,
  • die Erregbarkeit der Nervenzellen,
  • den Herzschlag,
  • den Blutdruck und noch vieles mehr.

Die Schilddrüse ist sozusagen das „Gaspedal“ des Stoffwechsels.

Bei einem gesunden Tier wird eine ausreichende Menge an Hormonen gebildet und alle Stoffwechselvorgänge befinden sich in einem gesunden Gleichgewicht.

Symptome bei Katzen mit Schilddrüsenüberfunktion

Bei Katzen mit einer Schilddrüsenüberfunktion vermehrt sich das Gewebe der Schilddrüse unkontrolliert und produziert daher auch zu viele Hormone. Das Gaspedal für den Stoffwechsel ist also sozusagen „durchgetreten“.

Dabei gilt: umso mehr Hormone produziert werden, umso heftiger äußern sich auch die entsprechenden Symptome.

Bei einer frühen bzw. milden Form der Schilddrüsenüberfunktion ist es möglich, dass noch gar keine Symptome aufgetreten oder aufgefallen sind.

Häufige Symptome bei Katzen mit Schilddrüsenüberfunktion (feliner Hyperthyreose):

  • Die Katze verliert an Gewicht, obwohl sie normal oder sogar mehr frisst als früher

  • Gesteigerter Harnabsatz (mehr und/oder größere Klumpen im Katzenklo) (Polyurie)

  • Unruhe, gesteigerte Aktivität

  • Erbrechen

  • Schnelle Atmung und Hecheln (bis hin zur Atemnot)

  • Durchfall oder erhöhtes Kotvolumen

  • Struppiges, glanzloses Fell und Hautveränderungen

Seltene Symptome bei Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose):

  • Schlappheit
  • Verringerter Appetit
  • Gereiztheit bis hin zu Aggressivität
  • Veränderung der Augen und plötzliche Blindheit
  • Leistungsabfall (aufgrund einer Herzkrankheit)
  • Krampfanfälle
  • Gesteigertes Putzverhalten bis hin zu haarlosen Stellen

Vor allem ältere Katzen sollten alle paar Monate zu Hause gewogen werden und die Gewichtsveränderungen in Prozent gerechnet werden!!

 

Das geht z.B. so:

100 – (Aktuelles Gewicht der Katze : Gewicht der Katze beim letzten Wiegen x 100)

Beispiel: Beim letzten Wiegen vor 3 Monaten brachte eine Katze 5,3 kg auf die Waage, heute wiegt sie nur noch 5,0 kg.

Rechenweg:  100 – (5,0 : 5,3 x 100) = 5,66% abgenommen

 

Denn ein Gewichtsverlust von z.B. 0,5 kg mag bei einer durchschnittlichen 4,5 kg Katze auf den ersten Blick nicht dramatisch wirken. Wenn man aber bedenkt, dass dies einen Gewichtsverlust von ca. 10% bedeutet, könnte eine Krankheit dahinterstecken und die Katze sollte in naher Zukunft einem Tierarzt vorgestellt werden!

Aus der Humanmedizin wissen wir, dass Patienten mit einer Schilddrüsenüberfunktion oft depressiv sind. Die Schilddrüsenhormone regeln den Stoffwechsel der Nervenzellen und die Gehirnfunktion. Betroffene sind oft nervös, leicht schreckhaft, leiden zunehmend an Angststörungen oder berichten von Konzentrationsstörungen und sind gereizt. In der Humanmedizin ist es daher mittlerweile Standard, die Schilddrüsenfunktion bei Depressionen zu testen.

„Thyroid Storm“

Sehr selten können Katzen mit Schilddrüsenüberfunktion eine „Schilddrüsenvergiftung“ („Thyreotoxikose“ oder „thyroid storm“) erleiden. Das geschieht dann, wenn der Hormonspiegel komplett entgleist und zu stark schwankt.

Diese Komplikation der Erkrankung kann sich in

  • Atemnot (mit oder ohne Maulatmung),
  • massivem Speichelfluss und/oder
  • Krampfanfällen zeigen.

Dieser Zustand ist ein absoluter Notfall und die Katze muss sofort und unabhängig von der Tageszeit zu einem Tierarzt oder in eine Tierklinik gebracht werden!

Ursachen und Risikofaktoren für die Hyperthyreose bei Katzen

Der Mechanismus hinter der Schilddrüsenüberfunktion/Hyperthyreose

In etwa 98% der Fälle handelt es sich bei dem übermäßigen Schilddrüsen-Gewebe um gutartige Knoten (sogenannte „Adenome“) auf einem oder beiden Schilddrüsenlappen. In nur etwa 2% handelt es sich um bösartige Tumoren (sogenannte „Karzinome“).

Umso länger die Katze an einer Schilddrüsenüberfunktion leidet, umso schwerer ist die Krankheit behandelbar. Das liegt u.a. daran, dass das Gewebe mit der Dauer der Erkrankung zunehmend wächst, daher auch mehr Hormone produziert und in der Regel irgendwann zu einem bösartigen Knoten wird.

Risikofaktoren für die Entwicklung einer Schilddrüsenüberfunktion bei Katzen

Die Risikofaktoren einer Hyperthyreose bei Katzen sind bis heute nicht restlos geklärt.

Rassekatzen scheinen nach derzeitigem Kenntnisstand ein etwas niedrigeres Risiko zu haben als normale Hauskatzen. Männliche als auch weibliche Tiere sind zu gleichen Teilen von Schilddrüsenunterfunktionen betroffen.

Im Durchschnitt sind die Katzen bei Diagnosestellung 13 Jahre alt. Freigänger sind weniger oft betroffen als Wohnungskatzen.

Lange standen Impfungen, Medikamente gegen Parasiten, Katzenstreu und verschiedene Umweltgifte in der Diskussion, eine Schilddrüsenüberfunktion zu begünstigen und damit als sogenannter „Disruptor“ zu wirken. Es gibt viele Studien zu diesem Thema, letzten Endes können allerdings nur Sojaisoflavone und Weichmacher (siehe Fütterung) als mögliche Disruptoren vermutet werden.

Futter als Risikofaktor für die Schilddrüsenüberfunktion

Dr.Stefanie Handl, Diplomate für Tierernährung, klärt uns über den Zusammenhang der Fütterung mit der Hyperthyreose auf:

„Hinsichtlich der Fütterung werden mehrere Faktoren diskutiert, bei der Entstehung einer Hyperthyreose eine Rolle zu spielen: die Art der Fütterung (Trocken- oder Feuchtfutter), der Gehalt an Jod und anderen Nährstoffen, die die Funktion der Schilddrüsen beeinflussen, und mögliche weitere Einflüsse durch Sojaisoflavone und so genannte endogene Disruptoren (Stoffe, die körpereigenen Hormonen ähnlich sind und daher in hormonelle Abläufe eingreifen).“

Stefanie Handl - Spezialistin für Tierernährung

Stefanie Handl studierte an der Veterinärmedizinischen Universität Wien und nach ihrer Promotion 2005 arbeitete sie dort insgesamt 10 Jahre lang als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tierernährung. Nach einem Forschungsaufenthalt im Labor für Gastroenterologie der Texas A&M University legte sie 2011 ihre Prüfung zum Diplomate des European College of Veterinary and Comparative Nutrition ab. 2013 eröffnete sie in Wien die „Futterambulanz“, eine Praxis für Ernährungs- und Diätberatung für Heimtiere.

Jod & Schilddrüsenüberfunktion bei der Katze:

Dr.Stefanie Handl erklärt: „Die Versorgung mit Jod, welches ja einen essentiellen Bestandteil der Schilddrüsenhormone darstellt, hat natürlich einen direkten Einfluss auf die Funktion der Schilddrüse. Es ist aus der Humanmedizin bekannt, dass sowohl eine lange dauernde Unter- als auch Überversorgung mit Jod zu Erkrankungen der Schilddrüse führt. Da ein Großteil der Hauskatzen ausgewogene Alleinfutter bekommt, ist ein Mangel ausgeschlossen. Auch gibt es gesetzlich vorgeschriebene Obergrenzen für den Jodgehalt. Diese Spannweite ist jedoch groß, sodass der Jodgehalt im Katzenfutter eine große Bandbreite umfasst, abhängig vor allem von den Zutaten (Fleisch/Fisch/Innereien.)“

Kurzfristige Studien (über einige Monate) haben gezeigt, dass Katzen sehr wohl in der Lage sind, sowohl bei jodreichem als auch bei relativ jodarmen Futter (welches sonst ausgewogen war) ihre Schilddrüsenhormone im Normalbereich zu halten.

Jod ist jedoch ein kritischer Faktor bei selbst zubereitetem Futter (Kochen oder BARF), da ohne Ergänzung so gut wie immer eine drastische Unterversorgung vorliegt.

Sojaisoflavone & Schilddrüsenüberfunktion bei der Katze:

Sojaisoflavone behindern die Bildung von Schilddrüsenhormonen auf verschiedene Weise. Ein Jodmangel kann diesen Effekt noch verstärken – zumindest bei Menschen und Ratten ist dies gezeigt worden.

In kritischen Berichten über Fertigfutter kann man oft lesen, dass Soja als „billiger Fleischersatz“ verwendet werde – das stimmt für Europa definitiv nicht, Soja wird in herkömmlichem Katzenfutter nicht eingesetzt, am ehesten noch in (teuren) Diätfuttern für Allergiker, und die sind selbstverständlich ausgewogen.

Langzeitstudien an Hunden (über 2 Jahre) konnten keinen klinisch relevanten Effekt von Isoflavonen feststellen.

Dosenfutter- vs. Trockenfutter-Ernährung als Risiko für die Schilddrüsenüberfunktion:

Mehrere Studien (welche den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Erkrankungen und bestimmten Einflüssen untersuchten) fanden einen statistischen Zusammenhang zwischen der Hyperthyreose und Dosenfutter.

Als Gründe werden diskutiert: der unterschiedliche Gehalt an Jod und anderen Nährstoffen und das Vorhandensein von Schadstoffen (Quecksilber, Polyvinylchlorid, Phthalate und Bisphenol A (BPA)).

BPA ist ein Weichmacher in Kunststoffbeschichtungen von Konservendosen. Er agiert als sog. Schilddrüsenhormonrezeptor-Antagonist und führt zur Erhöhung eines Hormons, welches die Schilddrüse stimuliert und die Produktion von Schilddrüsenhormonen anregt. BPA konnte in Hunde- und Katzenfutter, im Blut von Hunden sowie im Urin von Hunden und Katzen nachgewiesen werden, welche Dosenfutter bekamen. Ob dies wirklich klinische Auswirkungen hat und welche Mengen tatsächlich schädlich sind, ist noch nicht bekannt.

Auch der Wassergehalt des Futters an sich könnte einen Einfluss auf die Schilddrüsenfunktion haben, wie eine Studie zeigt – da Katzen bei Trockenfutterfütterung weniger Flüssigkeit aufnehmen und sich auch weniger bewegen, könnte eine zu geringe Wasserzufuhr die Schilddrüsenfunktion reduzieren.

Hyperthyreose als „multifaktorielles Geschehen“

Jedoch gibt es auch Studien, die keinen Einfluss der Fütterung auf das Auftreten von Hyperthyreose ermitteln konnten – es ist also, wie so oft, kompliziert und wir müssen von einem sog. „multifaktoriellen Geschehen“ ausgehen, d.h. vermutlich spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle bei der Entstehung einer Schilddrüsenüberfunktion.