Verliert Ihre Hündin unkontrolliert Urin, z.B. wenn sie einfach nur daliegt? Dann leidet sie vermutlich unter einer Harn-Inkontinenz. Und damit ist sie nicht allein: Es wird angenommen, dass bis zu 20% der kastrierten Hündinnen von einer Blasenschwäche betroffen sind! Aber auch männliche Hunde können natürlich unter einer Inkontinenz leiden.

Lesen Sie hier, welche Ursachen eine Blasenschwäche bei Hunden haben kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt – auch abseits von Propalin-Sirup und Caniphedrin-Tabletten.

Beschreibung

Von Harn-Inkontinenz (oder auch Blasenschwäche) spricht man, wenn ein Hund gegen seinen Willen – und teilweise von ihm selbst unbemerkt – Urin verliert. Dabei läuft der Urin einfach heraus, ohne dass der Hund die typische „Pinkel-Körperhaltung“ einnimmt.

Besonders häufig tritt der Urinverlust im Liegen oder beim Schlafen auf – oft findet man dann einige Urintropfen oder -pfützen am Liegeplatz. Das Harnträufeln kann aber auch beim Spazierengehen, beim Spielen oder im Stehen passieren. Die verlorene Urinmenge kann dabei jeweils von einigen Tropfen bis hin zu richtigen Pfützen reichen.

In den meisten Fällen können die betroffenen Hunde trotz der Inkontinenz auch noch ganz normal Urin absetzen. Oft fällt allerdings auf, dass sich inkontinente Hunde sehr viel im Genitalbereich schlecken. Manchmal entstehen im Bereich der Scheide auch Fellverfärbungen und Hautentzündungen.

Die Inkontinenz ist eigentlich gar keine eigene Erkrankung, sondern ein Symptom – denn mehrere Krankheiten können sie verursachen. Bei den meisten Hunden (v.a. bei kastrierten Hündinnen) steckt allerdings eine ganz bestimmte Krankheit dahinter: die sogenannte primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz (auch als Sphinkterschwäche oder ganz korrekt als Sphinktermechanismus-Inkompetenz bezeichnet).

Achtung, Verwechslungsgefahr!

Wenn ein Hund (scheinbar) Urin verliert, muss nicht zwangsläufig eine Inkontinenz/Blasenschwäche vorliegen. Es gibt noch einige andere Probleme, die ganz ähnlich aussehen können:

Wenn Hunde unter ständigem Harndrang leiden (Pollakisurie, z.B. bei Blasenentzündung) oder aufgrund einer Erkrankung mehr Urin produzieren als normal (Polyurie, z.B. bei chronischer Niereninsuffizienz), kann es passieren, dass sie in die Wohnung machen – teilweise sogar unabsichtlich.

Aber auch eine Unsauberkeit (also Verlust der Stubenreinheit; d.h. die Hunde pinkeln absichtlich in die Wohnung) muss von der Inkontinenz abgegrenzt werden. Die verschiedenen Symptome, bei denen „Verwechslungsgefahr“ besteht, haben wir hier für Sie zusammengefasst (inkl. Entscheidungsbaum und Merkmale der verschiedenen Probleme).

Allerdings können Hunde auch bei Scheidenausfluss oder Penisausfluss Flüssigkeit verlieren und Urin-ähnliche Flecken hinterlassen.

Wie häufig ist die Inkontinenz beim Hund?

Bei kastrierten Hündinnen kommt eine Inkontinenz leider recht häufig vor: Experten gehen davon aus, dass bis zu 20% dieser Tiere betroffen sind (bei großen Rassen sogar bis zu 30%). Deutlich weniger oft tritt sie bei kastrierten Rüden auf. Bei unkastrierten Hündinnen und Rüden ist sie sogar selten – unter 1% dieser Hunde sind betroffen.

Wie kommt es zur Inkontinenz?

Sehr viele Wege führen letztlich zu dem Problem „Hund verliert Urin“. Um sie zu verstehen, muss man aber erst mal wissen, wie das mit der Urinspeicherung normalerweise funktioniert:

Normaler Ablauf der Urinspeicherung und -entleerung

Harnwege des HundesDer Urin wird in den Nieren produziert. Von dort fließt er kontinuierlich über die sogenannten Harnleiter in die Harnblase. Dort sammelt er sich erstmal, bevor er beim Pinkeln dann – zu einem vom Tier gewählten Zeitpunkt – über die Harnröhre nach außen abgegeben wird.

Damit das funktioniert, verfügt die Harnröhre im Anfangsbereich über einen Schließmuskel (Sphinkter). Wie ein Gummiband, das einen Wasserballon verschließt, verhindert er, dass der Inhalt einfach herausläuft.

Will der Hund dann pinkeln, passieren – vereinfacht gesagt – zwei Dinge: Der Sphinkter entspannt sich (das Gummiband wird also gelockert) und der Blasenmuskel (sog. Detrusormuskel) in der Harnblasenwand zieht sich zusammen – dadurch wird der Urin aus der Blase herausgedrückt.

Mögliche Störungen

Dieses System kann bei Inkontinenz/Blasenschwäche an mehreren Stellen gestört sein.

Bei der Harnröhrensphinkter-Inkompetenz (die ja bei den meisten Hunden vorliegt) ist beispielsweise der Schließmuskel einfach zu schwach (das Gummiband ist also locker und der Wasserballon somit nicht dicht). Dadurch kann immer ein bisschen Urin herauslaufen.

Andererseits kann aber auch der Blasenmuskel zu schwach, gelähmt oder geschädigt sein (sog. Blasenatonie, z.B. nach Zerreißen der Muskelfasern durch eine Überfüllung der Blase). Dann kann die Blase nicht mehr vollständig entleert werden. Sie wird im Lauf der Zeit also immer voller – bis der Druck darin irgendwann so groß ist, dass der Urin den Sphinkter überwinden kann. Dann läuft er einfach heraus und der Hund verliert Urin.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass der Urin die Blase und ihre Verschlussmechanismen einfach umgeht: Wenn zum Beispiel ein Harnleiter (Ureter) statt in der Blase in der Harnröhre (nach dem Sphinkter) endet (sog. ektopischer Ureter), tröpfelt der aus den Nieren kommende Urin einfach aus dem Hund raus.

Neben den beschriebenen Wegen gibt es aber noch viele weitere Möglichkeiten, wie es dazu kommen kann, dass ein Hund Urin verliert.

Risikofaktoren: Kastration und Co

Insgesamt kommt die Blasenschwäche häufiger bei mittelalten bis alten Hunden vor – allerdings können auch junge Hunde an einer Inkontinenz erkranken.

Mittelgroße bis große Hunde (über 15 kg Körpergewicht) und Hunde, die an Übergewicht leiden, sind ebenfalls häufiger betroffen.

Wie bereits erwähnt, ist die Inkontinenz ein Problem, das bei kastrierten Hündinnen sehr viel öfter vorkommt als bei Rüden oder unkastrierten Hündinnen. Es wird angenommen, dass bis zu 20% der kastrierten Weibchen an Inkontinenz leiden.

Die meisten Hündinnen werden 2-3 Jahre nach der Kastration inkontinent (sie kann aber auch direkt nach der Operation oder bis zu 10 Jahre danach zum ersten Mal auftreten).

Rüden entwickeln nach einer Kastration nur selten eine Inkontinenz. Am ehesten scheint es dazu zu kommen, wenn sie erst sehr spät, also in hohem Alter, kastriert werden.

Zusammenhang zwischen Kastration und Inkontinenz

Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Wenn kastrierte Hündinnen so viel öfter betroffen sind, muss die Kastration bei Hündinnen ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Inkontinenz sein.

Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht ganz unumstritten. Eine große Übersichtsstudie kam zu dem Ergebnis, dass keine ausreichenden Hinweise vorliegen, um das sicher sagen zu können. Die meisten Tierärzte sind sich aufgrund eigener Erfahrungen aber trotzdem sicher, dass die Kastration bei Hündinnen den wichtigsten Risikofaktor für die Entwicklung einer Inkontinenz darstellt.

Als Folge stellt sich dann aber die Frage nach dem besten Zeitpunkt für die Kastration, um das Risiko für eine Inkontinenz so gering wie möglich zu halten. Auch hier herrscht unter den Experten aber leider noch Uneinigkeit. Vermutlich kommt es am seltensten zur Blasenschwäche, wenn die Kastration zwar noch vor der 1. Läufigkeit, aber nicht vor einem Alter von 12 Wochen erfolgt. Andererseits scheint die Inkontinenz bei einer Kastration nach der 1. Läufigkeit zwar häufiger, dafür aber schwächer ausgeprägt zu sein.

Wie könnte eine Kastration zur Inkontinenz führen?

Bis heute ist nicht ganz klar, wieso es nach einer Kastration von Hündinnen so häufig zu einer Blasenschwäche kommt. Es wird angenommen, dass Hormone bei der Entwicklung der Krankheit eine große Rolle spielen – vor allem ein Mangel an Östrogen nach der Kastration scheint entscheidend zu sein (Östrogen wird in den Eierstöcken produziert. Diese werden bei der Kastration entfernt, dadurch sinkt der Östrogenspiegel). Andererseits könnte aber auch eine Art Gewebeschwäche an der Entstehung der Blasenschwäche beteiligt sein.

Ursachen für Inkontinenz beim Hund

Es gibt viele verschiedene Ursachen, die beim Hund zu einer Inkontinenz führen können. Dabei sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass auch mehrere Ursachen gleichzeitig zur Blasenschwäche beitragen können.

Bei jungen Hunden sind angeborene anatomische Veränderungen (wie z.B. ektopische Ureter) am häufigsten für die Inkontinenz verantwortlich.

Häufige Ursachen für eine Inkontinenz beim erwachsenen Hund

  • Primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz
  • Überaktiver Blasenmuskel

Primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz

Die primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz („Stressinkontinenz“, Sphinkterschwäche, Sphinktermechanismus-Inkompetenz) ist die häufigste Ursache für Inkontinenz bei Hunden – sie liegt in ca. 60% der Fälle vor. Die betroffenen Hunde sind in aller Regel (90%) weiblich und kastriert.

Bei dieser Erkrankung ist der Sphinkter (Schließmuskel), der normalerweise die Harnröhre verschließt und den Urin so in der Harnblase hält, einfach zu schwach. Die Blase ist somit „undicht“. Vermutlich wird dies durch einen Mangel an Hormonen, v.a. Östrogen, ausgelöst.

So lange die Sphinkterschwäche die einzige Ursache für die Inkontinenz ist, zeigen die betroffenen Hunde kein anderes Symptom als den unbewussten Urinverlust – sie haben keine Schmerzen und können auch noch ganz normal Urin absetzen.

Überaktiver Blasenmuskel

Ein überaktiver Blasenmuskel ist in ca. 20% der Fälle die Ursache für die Inkontinenz. Bei den betroffenen Hunden zieht sich der Blasenmuskel immer wieder unkontrolliert zusammen. Dadurch entsteht das Gefühl einer schmerzhaft vollen Blase – selbst wenn sie eigentlich fast leer ist. Außerdem entsteht dabei ein großer Druck in der Harnblase – so groß, dass der Urin trotz normal funktionierendem Sphinkter herausgepresst werden kann.

Meistens ist eine starke Entzündung in der Blase für den überaktiven Blasenmuskel verantwortlich. Häufige Ursachen für diese Art der Inkontinenz sind deswegen z.B. bakterielle Blasenentzündungen, Harnsteine oder ein Blasentumor. Ein überaktiver Blasenmuskel kann aber auch zusätzlich zur primären Harnröhrensphinkter-Inkompetenz nach einer Kastration vorkommen.

Von einer überaktiven Blase sind gleichermaßen Hündinnen und Rüden betroffen. Die betroffenen Hunde zeigen in der Regel noch weitere Symptome: Sie haben einen ständigen und teilweise nicht zu unterdrückenden („imperativen“) Harndrang und setzen immer wieder kleine Mengen Urin ab („Drang-Inkontinenz“). Viele Hunde sind deswegen sehr unruhig; manche zeigen beim Pinkeln auch Schmerzen.

Gelegentliche Ursachen für eine Inkontinenz:

  • Neurogene Blasenfunktionsstörung – Folge einer Schädigung des Nervensystems, z.B. durch
    • Bandscheibenvorfall
    • Trauma/Verletzung der Wirbelsäule (z.B. Wirbelfraktur)
    • Cauda equina-Syndrom
    • Schädigung im Gehirn (z.B. durch Tumor, Entzündung oder Verletzung)
  • Blasenatonie (Schwäche des Blasenmuskels) als Folgeschaden nach langer Überfüllung und Überdehnung der Blase; häufig nach einem Harnröhrenverschluss z.B. durch Harnsteine
  • Angeborene oder erworbene anatomische Veränderungen, z.B.
    • Ektopischer Ureter – Harnleiter endet in der Harnröhre statt in der Harnblase (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Persistierender Urachus – offener Verbindungsgang der Harnblase zum Bauchnabel (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Blasenhypoplasie (zu kleine Blase) (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Beckenblase (Blase liegt zu tief im Becken)
    • Veränderungen in der Scheide oder der Scham (z.B. eine sog. Vaginalspange)
    • Urethrovaginale Fistel (Verbindung zwischen Harnröhre und Scheide, z.B. durch eine Verletzung)

Seltene Ursachen für eine Inkontinenz:

  • Detrusor-Urethra-Dyssynergie (fehlerhafte Zusammenarbeit zwischen Sphinkter und Blasenmuskel: der Urinabsatz beginnt normal, dann schließt sich jedoch der Sphinkter und der Hund kann nicht mehr weiterpinkeln)
  • Chronischer unvollständiger Harnröhrenverschluss
  • Externe Kompression der Blase (d.h. die Blase wird von außen zusammengedrückt, z.B. durch einen Tumor oder eine vergrößerte Prostata)

Untersuchungen und Diagnose bei Inkontinenz

Als erstes wird der Tierarzt Ihnen einige Fragen stellen (Anamnese), z.B. wann die Inkontinenz das erste Mal aufgetreten ist, in welchen Situation Ihr Hund Urin verliert, ob Ihr Hund Probleme oder Schmerzen beim Pinkeln hat und ob er weitere Symptome zeigt, wie z.B. zusätzlichen Kotverlust, veränderte Schwanzbewegungen oder eine Lahmheit.

Als nächstes folgt eine gründliche Allgemeinuntersuchung Ihres Hundes. Dabei achtet der Tierarzt natürlich auch ganz besonders auf die Blase. Eine neurologische Untersuchung zur Beurteilung der Nervenfunktion sowie eine rektale Untersuchung (Abtasten der Bauchorgane über einen in den Darm eingeführten Finger) gehören ebenfalls meist zum Untersuchungsgang.

Möglicherweise wird Ihr Tierarzt anschließend eine Untersuchung des Urins durchführen. So kann er Hinweise auf einige Erkrankungen bekommen, die die Inkontinenz verursachen oder zu ihr beitragen könnten (z.B. weiße Blutkörperchen bei Entzündungen oder sog. Kristalle bei Harnsteinen).

Die Urinuntersuchung ist aber auch sinnvoll, weil Hunde mit Inkontinenz vermutlich ein erhöhtes Risiko haben, zusätzlich eine bakterielle Blasenentzündung zu entwickeln. Bei der Urinuntersuchung erhält der Tierarzt oft Hinweise darauf, z.B. wenn er Bakterien oder Entzündungszellen im Harn findet. Idealerweise sollte allerdings eine Urinprobe des Hundes zusätzlich in ein Labor zu einer sogenannten bakteriellen Kultur eingeschickt werden – manchmal „verstecken“ sich die Bakterien nämlich bei der Untersuchung des Tierarztes und werden so verpasst.

Oft hat der Tierarzt aufgrund der Vorgeschichte und Untersuchungen dann schon einen starken Verdacht auf eine primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz. In einem solchen Fall werden meist erst mal keine weiteren Untersuchungen durchgeführt und stattdessen eine Versuchstherapie begonnen.

Manchmal sind aber auch noch weitere Untersuchungen nötig, z.B. wenn noch Zweifel an der Diagnose bestehen, der Verdacht in eine andere Richtung geht (z.B. angeborene Krankheit) oder ein Hund trotz Behandlung noch Urin verliert. Welche Untersuchungen dann sinnvollerweise durchgeführt werden, hängt davon ab, was der Tierarzt als Ursache der Inkontinenz vermutet. Möglich sind z.B. Ultraschall- und/oder Röntgenuntersuchungen des Bauches, Blutuntersuchungen (Blutbild, Organwerte), eingehendere Untersuchung der Nerven (z.B. mittels Röntgen der Wirbelsäule oder Kernspintomographie), eine Untersuchung der Scheide bei Hündinnen oder eine endoskopische Beurteilung der Harnwege.

Behandlung der Inkontinenz beim Hund

Wenn ein Hund Urin verliert, hängt die Behandlung davon ab, welche Ursache zur Inkontinenz geführt hat.

Eine anatomische Veränderung (z.B. ein ektopischer Ureter) oder ein Bandscheibenvorfall muss beispielsweise häufig chirugisch behoben werden. Eine bakterielle Blasenentzündung wird dagegen mit Antibiotika behandelt. Liegt ein Harnröhrenverschluss vor, muss der erst mal behoben werden, bevor eine weitere Behandlung (z.B. der Blasenatonie) erfolgen kann.

Bei einer Inkontinenz durch Blasenatonie können Bethanechol-Tabletten verabreicht werden. Dieses Medikament steigert die Muskelkontraktionen (also das Zusammenziehen) des Blasenmuskels. Allerdings können die Tabletten nur wirken, wenn noch genügend gesunde Muskelzellen vorhanden sind.

Behandlung der Harnröhrensphinkter-Inkompetenz

In den allermeisten Fällen kann die Kastrations-abhängige Inkontinenz bei Hündinnen mit Tabletten oder Sirup erfolgreich behandelt werden.

In erster Linie kommen hierbei sogenannte α-adrenerge Agonisten zum Einsatz. Sie stimulieren die Nerven am inneren Harnröhrensphinkter und führen so dazu, dass dieser die Blase wieder dichter verschließen kann. Den meisten Hunden mit Inkontinenz werden entweder Caniphedrin-Tabletten oder Propalin-Sirup verschrieben.

Propalin-Sirup enthält den α-adrenergen Agonisten Phenylpropanolamin, während Caniphedrin-Tabletten den verwandten Wirkstoff Ephedrin enthalten. 75-90% der inkontinenten kastrierten Hündinnen werden durch die Behandlung mit diesen Medikamenten wieder vollständig kontinent (d.h. sie verlieren keinen Urin mehr). Bei Rüden scheinen Propalin und Caniphedrin leider nicht so gut zu wirken. Vor allem bei Propalin-Sirup kann es allerdings auch bei Hündinnen nach einiger Zeit zu einem Nachlassen der Wirkung kommen. Oft muss die Dosis deswegen im Lauf der Zeit erhöht werden.

Vereinzelt kann es bei Gabe von Propalin-Sirup oder Caniphedrin-Tabletten als Nebenwirkung zu Durchfall, Appetitlosigkeit, beschleunigtem Puls, Herzrhythmusstörungen oder Erregungszuständen kommen.

Was tun, wenn der Hund trotz Propalin/Caniphedrin noch Urin verliert?

Wenn das Harntröpfeln trotz der Behandlung mit Propalin oder Caniphedrin noch vorhanden ist (oder nach längerer Besserung wieder auftritt), sollte überprüft werden, ob eine zusätzliche Ursache für die Inkontinenz vorliegt (z.B. eine Blasenentzündung).

Wird nichts gefunden, kann bei Hündinnen eine (zusätzliche) Hormon-Behandlung mit kurzwirksamen Östrogenen (Östriol, z.B. in Incurin-Tabletten) begonnen werden. Alleine sind sie bei ca. 60-65% der Hündinnen erfolgreich. In Kombination mit Propalin oder Caniphedrin kann die Wirkung noch besser sein, weil Östrogen die Wirksamkeit dieser beiden Medikamente steigert.

Es gibt auch langwirksame Präparate, die seltener als 1 Mal täglich gegeben werden müssen. Diese sind zwar bequem, sollten aber trotzdem vermieden werden. In seltenen Fällen kann es nämlich vor allem bei diesen Langzeitpräparaten zu einer lebensgefährlichen Knochenmarksuppression (Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark) kommen. Weitere mögliche Nebenwirkungen bei Behandlung mit Östrogen sind Läufigkeits-ähnliche Symptome (wie geschwollene „Schamlippen“, Scheidenausfluss und Attraktivität für Rüden).

Falls auch Östrogen bzw. die Kombination aus Östrogen und Propalin bzw. Caniphedrin nicht wirkt – oder bestimmte Gründe gegen diese Medikamente sprechen – gibt es zur Behandlung der Inkontinenz bei Hunden unter anderem noch folgende Möglichkeiten:

  • Implantieren eines Deslorelin-Hormonimplantats unter die Haut

    Dieses Implantat setzt ein Hormon namens GnRH frei. Normalerweise wird es zur chemischen Kastration eingesetzt und deshalb oft auch als „Kastrations-Chip“ bezeichnet. Bei circa 50% der kastrierten Hündinnen soll es gegen die Inkontinenz wirken. Auch bei Rüden gibt es Erfolgsberichte. Dabei ist allerdings noch nicht ganz klar, wie es gegen die Inkontinenz wirkt.

    Wenn Nebenwirkungen auftreten, sind diese in der Regel mild (z.B. Haarausfall). Dennoch muss die Verwendung des Implantats gut mit dem Tierarzt abgesprochen werden, weil es für diese Anwendung eigentlich nicht zugelassen ist. Bei unzureichender Wirkung kann es auch mit Propalin oder Caniphedrin kombiniert werden.

  • Injektion von Kollagen

    Hierbei wird in einem minimalinvasiven, endoskopischen Eingriff Kollagen unter die Schleimhaut der blasennahen Harnröhre gespritzt. Dadurch wird der Widerstand des Sphinkters erhöht, so dass er dem Druck in der Harnblase besser standhalten kann. In Studien waren nach einer Kollagen-Injektion ca. 44-68% der Hündinnen komplett Inkontinenz-frei. Bei vielen anderen Hunden (ca. 15%) wurde die Inkontinenz besser und konnte mit Propalin-Sirup kontrolliert werden.

    Leider hält die Injektion nicht für immer an – nach durchschnittlich 17-21 Monaten ließ die Wirkung bei den an der Studie teilnehmenden Hündinnen nach (insgesamt reichte die Spanne bei den untersuchten Hündinnen von 1-64 Monaten) . Die Behandlung kann dann jedoch wiederholt werden. Die Kollageninjektionen schienen von den Hunden sehr gut vertragen zu werden.

  • Chirurgische Behandlung

    Es gibt sehr viele verschiedene Methoden, um eine Inkontinenz bei Hunden chirurgisch zu behandeln (z.B. durch Setzen eines künstlichen Schließmuskels). Allerdings ist in allen Fällen eine Operation und Narkose nötig. Dabei können natürlich auch Komplikationen auftreten. Die Vor- und Nachteile einer Operation (und der einzelnen Operationstechniken) sollten deswegen mit dem Tierarzt abgesprochen werden.

Prognose bei Inkontinenz

Die Prognose hängt stark von der Ursache der Inkontinenz ab.

Bei einer primären Harnröhrensphinkter-Inkompetenz kann i.d.R. keine Heilung erreicht werden. In den allermeisten Fällen kann sie mit einer Behandlung aber kontrolliert (60-90% der Hündinnen) oder zumindest verbessert werden.

Mögliche Komplikationen bei inkontinenten Hunden sind wiederkehrende bakterielle Blasenentzündungen und Hautentzündungen im Genital- und Dammbereich durch den auslaufenden Urin. Es sollte deswegen darauf geachtet werden, dass dieser Bereich sauber gehalten und gegebenenfalls mit milden desinfizierenden Mitteln (z.B. Chlorhexidin-Lösung oder Kamillentee) behandelt wird.

Vorbeugung gegen Blasenschwäche

Leider kann man nicht viel tun, um das Auftreten einer Inkontinenz beim eigenen Hund zu verhindern.

Um das Risiko bei Hündinnen so gering wie möglich zu halten, dürfte man sie eigentlich nicht kastrieren. Leider steigt dadurch aber wiederum das Risiko für andere Krankheiten – z.B. für die lebensgefährliche Gebärmuttervereiterung oder für Mammatumoren (Brustkrebs).

Weil übergewichtige Hunde häufiger von einer Blasenschwäche betroffen sind, sollte man seinen Hund aber auf jeden Fall schlank und fit halten.

Damit es nicht zu einer Schädigung des Blasenmuskels (Blasenatonie) durch eine Harnstauung kommt (und auch nicht zu einem lebensgefährlichen Nierenversagen!), sollte man einen Hund, der keinen oder fast keinen Urin absetzen kann (Anzeichen für eine Harnentleerungsstörung bzw. einen Harnröhrenverschluss) auf jeden Fall immer sofort zum Tierarzt bringen.

Auch bei Hunden mit den klassischen Zeichen einer Blasenentzündung (ständiger Harndrang, häufiges Absetzen kleiner Mengen Urin, Schmerzen beim Pinkeln) sollte man nicht lange abwarten und bald zum Tierarzt gehen.

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Quellen

Veröffentlicht am 15. Dezember 2017

Überarbeitet am 16. Juli 2019

Von Dr. Iris Wagner-Storz