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Inkontinenz beim Hund

Andere Bezeichnungen: Blasenschwäche, Urinverlust, Harnträufeln

Wenn Ihr Hund unkontrolliert Urin verliert (z.B. im Liegen), leidet er vermutlich unter Harn-Inkontinenz. Es wird angenommen, dass bis zu 20% der kastrierten Hündinnen von einer Blasenschwäche betroffen sind. Meistens steckt eine sogenannte Sphinkter-Schwäche dahinter. Allerdings können auch andere, zum Teil schwere Erkrankungen zur Inkontinenz führen. Lesen Sie hier, was die Blasenschwäche verursachen kann und welche Behandlungsmöglichkeiten es neben Propalin Sirup und Caniphedrin Tabletten gibt.

Beschreibung

Von (Harn-)Inkontinenz (oder auch Blasenschwäche) spricht man, wenn ein Hund gegen seinen Willen – und teilweise von ihm selbst unbemerkt – Urin verliert. Üblicherweise läuft der Urin einfach aus, ohne dass der Hund eine „Pinkel-Körperhaltung“ einnimmt. Besonders häufig tritt der Urinverlust im Liegen oder beim Schlafen auf, es kann aber auch beim Spazierengehen, Spielen oder Stehen passieren. Die verlorene Urinmenge kann von einigen Tropfen bis hin zu richtigen Pfützen reichen.

Die Inkontinenz ist eigentlich gar keine eigene Erkrankung, sondern ein Symptom – denn mehrere Krankheiten können sie verursachen. Bei den meisten Hunden (v.a. kastrierten Hündinnen) steckt aber eine bestimmte Krankheit dahinter: die sogenannte primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz (auch als Sphinkterschwäche oder ganz korrekt als Sphinktermechanismus-Inkompetenz bezeichnet).

Achtung, Verwechslungsgefahr!

Wenn ein Hund (scheinbar) Urin verliert, kommen neben der Inkontinenz/Blasenschwäche noch einige andere Symptome in Frage, die ganz ähnlich aussehen können (z.B. Unsauberkeit, Polyurie, Pollakisurie). Die verschiedenen Symptome, die zu häufigem Urinabsatz und auch Harnverlust führen können, haben wir hier für Sie zusammengefasst.

Aber auch bei Scheidenausfluss oder Penisausfluss können Hunde Flüssigkeit verlieren und Urin-ähnliche Flecken hinterlassen.

Wie häufig ist die Inkontinenz beim Hund?

Bei unkastrierten Hündinnen und Rüden ist die Inkontinenz selten – unter 1% dieser Hunde sind betroffen. Bei kastrierten Hündinnen ist das Problem dagegen häufiger; Experten gehen davon aus, dass 5-20% dieser Tiere an Inkontinenz leiden.

Wie kommt es zur Inkontinenz?

Sehr viele Wege führen zu dem Endergebnis „Hund verliert Urin“. Um sie zu verstehen, muss man aber erst mal wissen, wie das mit der Urinspeicherung normalerweise funktioniert.

Der Urin wird in den Nieren produziert. Von dort fließt er kontinuierlich über die sogenannten Harnleiter in die Harnblase. Dort sammelt er sich, bevor er beim Pinkeln dann – zu einem vom Tier gewählten Zeitpunkt – über die Harnröhre nach außen abgegeben wird. Damit der Urin sich sammeln kann, verfügt die die Harnröhre im Anfangsbereich über einen Schließmuskel (Sphinkter). Wie ein Gummiband, das einen Luftballon verschließt, verhindert er, dass der Inhalt einfach herausfließt.

Will der Hund dann pinkeln, passieren – vereinfacht gesagt – zwei Dinge: Der Sphinkter entspannt sich (das Gummiband wird also gelockert) und der Blasenmuskel (sog. Detrusormuskel) in der Harnblasenwand zieht sich zusammen – dadurch wird der Urin aus der Blase gedrückt.

Mögliche Störungen

Dieses System kann bei Inkontinenz/Blasenschwäche an mehreren Stellen gestört sein. So ist bei der Harnröhrensphinkter-Inkompetenz (die bei den meisten Hunden – v.a. Hündinnen – vorliegt) z.B. der Sphinkter, der die Harnblase verschließt, einfach zu schwach (das Gummiband ist also locker und der Luftballon somit nicht dicht). Dadurch kann immer ein bisschen Urin herauslaufen.

Wenn andererseits der Blasenmuskel zu schwach, gelähmt oder geschädigt ist (sog. Blasenatonie, z.B. durch Zerreißen der Muskelfasern bei einer Überfüllung der Blase), kann die Blase nicht mehr vollständig geleert werden. Die Blase wird immer voller – so lange, bis der Druck darin so groß ist, dass der Urin den Sphinkter überwinden kann. Dann läuft er einfach heraus.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Umgehung der Blase und deren Verschlussmechanismen: Wenn zum Beispiel ein Harnleiter (Ureter) statt in der Blase in der Harnröhre (hinter dem Sphinkter) endet (sog. ektopischer Ureter), tröpfelt der aus den Nieren kommende Urin einfach aus dem Hund raus.

Neben den beschriebenen Wegen gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, wie es zur Inkontinenz kommen kann.

Risikofaktoren: Kastration und Co

Insgesamt kommt die Blasenschwäche häufiger bei mittelalten bis alten Hunden vor – allerdings können auch junge Hunde an einer Inkontinenz erkranken. Mittelgroße bis große Hunde (über 15 kg Körpergewicht) und Hunde, die an Übergewicht leiden, sind ebenfalls häufiger betroffen.

Wie bereits erwähnt, ist die Inkontinenz ein Problem, das bei kastrierten Hündinnen sehr viel öfter vorkommt als bei Rüden oder unkastrierten Hündinnen. Es wird angenommen, dass 5-20% der kastrierten Weibchen an Inkontinenz leiden.

Zusammenhang zwischen Kastration und Inkontinenz

Auf den ersten Blick scheint es ganz einfach: Wenn kastrierte Hündinnen so viel öfter betroffen sind, muss die Kastration bei Hündinnen ein Risikofaktor für die Entwicklung einer Inkontinenz sein.

Allerdings ist dieser Zusammenhang nicht ganz unumstritten. Eine große Übersichtsstudie kam zu dem Ergebnis, dass keine ausreichenden Hinweise vorliegen, um das sicher sagen zu können. Die meisten Tierärzte sind sich aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen trotzdem sicher, dass die Kastration bei Hündinnen der wichtigste Risikofaktor für die Entwicklung einer Inkontinenz ist.

Soll eine Hündin kastriert werden, stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, um das Risiko so gering wie möglich zu halten. Aber auch hier herrscht noch Uneinigkeit. Vermutlich kommt es am seltensten zur Blasenschwäche, wenn die Kastration zwar noch vor der 1. Läufigkeit erfolgt, aber nicht vor einem Alter von 12 Wochen. Andererseits scheint die Inkontinenz bei einer Kastration nach der 1. Läufigkeit zwar häufiger, dafür aber schwächer ausgeprägt zu sein.

Die meisten Hündinnen werden 2-3 Jahre nach der Kastration inkontinent (sie kann aber auch direkt nach der Operation oder bis zu 10 Jahre danach zum ersten Mal auftreten).

Wie könnte eine Kastration zur Inkontinenz führen?

Bis heute ist nicht ganz klar, wieso es zur Blasenschwäche kommt. Die Form der Inkontinenz, die bei Hündinnen von der Kastration abhängig zu sein scheint, wird primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz genannt. Es wird angenommen, dass Hormone bei der Entwicklung der Krankheit eine große Rolle spielen – vor allem ein Mangel an Östrogen nach der Kastration scheint entscheidend zu sein (Östrogen wird in den Eierstöcken produziert. Diese werden bei der Kastration entfernt, dadurch sinkt der Östrogenspiegel). Andererseits könnte aber auch eine Art Gewebeschwäche an der Entstehung der Blasenschwäche beteiligt sein.

Rüden entwickeln nach einer Kastration nur selten eine Inkontinenz. Am ehesten scheint es dazu zu kommen, wenn sie erst sehr spät, also in hohem Alter, kastriert werden.

Ursachen für Inkontinenz beim Hund

Es gibt viele verschiedene Ursachen, die beim Hund zu einer Inkontinenz führen können. Allerdings können auch mehrere Ursachen gleichzeitig zur Blasenschwäche beitragen.

Bei jungen Hunden sind angeborene anatomische Veränderungen (z.B. ektopische Ureter) am häufigsten für die Inkontinenz verantwortlich.

Häufige Ursachen für eine Inkontinenz beim erwachsenen Hund

  • primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz
  • überaktiver Blasenmuskel

Primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz

Die primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz („Stressinkontinenz“, Sphinktermechanismus-Inkompetenz) ist die häufigste Ursache für Inkontinenz bei Hunden – sie liegt in ca. 60% der Fälle vor. Die betroffenen Hunde sind in aller Regel (90%) weiblich und kastriert.

Bei dieser Erkrankung ist der Sphinkter (Schließmuskel), der die Harnröhre verschließt und den Urin so in der Harnblase hält, zu schwach. Vermutlich wird dies durch einen Mangel an Hormonen, v.a. Östrogen, ausgelöst. So lange nur diese Ursache für die Inkontinenz verantwortlich ist, zeigen die Hunde kein anderes Symptom als den unbewussten Urinverlust – sie haben keine Schmerzen und können auch noch ganz normal Urin absetzen.

Überaktiver Blasenmuskel

Ein überaktiver Blasenmuskel ist bei ca. 20% der Hunde die Ursache für die Inkontinenz. Hierbei zieht sich der Blasenmuskel immer wieder unkontrolliert zusammen. Dadurch entsteht das Gefühl einer schmerzhaft vollen Blase – obwohl die Blase fast leer ist. Durch das Zusammenziehen des Blasenmuskels kann der Druck in der Blase so groß werden, dass der Urin trotz funktionierendem Sphinkter herausgepresst wird.

Meistens führt eine starke Entzündung in der Blase zu dem überaktiven Blasenmuskel. Häufige Ursachen für diese Art der Inkontinenz sind deswegen z.B. eine bakterielle Blasenentzündung, Harnsteine oder ein Blasentumor. Der überaktive Blasenmuskel kann aber auch zusätzlich zur primären Harnröhrensphinkter-Inkompetenz nach einer Kastration vorkommen.

Von einer überaktiven Blase sind gleichermaßen Hündinnen und Rüden betroffen. Die betroffenen Hunde zeigen in der Regel noch weitere Symptome: Sie haben einen ständigen und teilweise nicht zu unterdrückenden („imperativen“) Harndrang und setzen immer wieder kleine Mengen Urin ab („Drang-Inkontinenz“). Viele Hunde sind deswegen sehr unruhig; manche zeigen beim Pinkeln auch Schmerzen.

Gelegentliche Ursachen für eine Inkontinenz:

  • Neurogene Blasenfunktionsstörung – Folge einer Schädigung des Nervensystems, z.B. durch
    • Bandscheibenvorfall
    • Trauma/Verletzung der Wirbelsäule (z.B. Wirbelfraktur)
    • Cauda equina-Syndrom
    • Schädigung im Gehirn (z.B. durch Tumor, Entzündung oder Verletzung)
  • Blasenatonie (Schwäche des Blasenmuskels) als Folgeschaden nach langer Überfüllung und Überdehnung der Blase; häufig nach Harnröhrenverschluss
  • Angeborene oder erworbene anatomische Veränderungen, z.B.
    • Ektopischer Ureter – Harnleiter endet in der Harnröhre statt in der Harnblase (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Persistierender Urachus – offener Verbindungsgang der Harnblase zum Bauchnabel (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Blasenhypoplasie (zu kleine Blase) (angeboren, dadurch meist bei jungen Tieren)
    • Beckenblase (Blase liegt zu tief im Becken)
    • Veränderungen in der Scheide oder der Scham (z.B. eine sog. Vaginalspange)
    • Urethrovaginale Fistel (Verbindung zwischen Harnröhre und Scheide, z.B. durch eine Verletzung)

Seltene Ursachen für eine Inkontinenz:

  • Detrusor-Urethra-Dyssynergie (fehlerhafte Zusammenarbeit zwischen Sphinkter und Blasenmuskel: der Urinabsatz beginnt normal, dann schließt sich jedoch der Sphinkter und der Hund kann nicht mehr weiterpinkeln)
  • Chronischer unvollständiger Harnröhrenverschluss
  • Externe Kompression der Blase (d.h. die Blase wird von außen zusammengedrückt, z.B. durch einen Tumor oder eine vergrößerte Prostata)

Untersuchungen und Diagnose

Als erstes wird der Tierarzt sehr viele Fragen stellen (Anamnese), z.B.: Wann ist die Inkontinenz das erste Mal aufgetreten? Hat der Hund Probleme oder Schmerzen beim Pinkeln? Zeigt er weitere Symptome wie z.B. zusätzlichen Kotverlust, veränderte Schwanzbewegungen oder eine Lahmheit?

Als nächstes folgt eine gründliche Allgemeinuntersuchung des Hundes, wobei der Tierarzt vor allem auf die Blase achtet. Auch eine neurologische (Beurteilung der Nervenfunktion) und eine rektale Untersuchung (Abtasten der Bauchorgane über einen in den Darm eingeführten Finger) gehört meistens zum Untersuchungsgang.

In fast allen Fällen wird anschließend eine Untersuchung des Urins durchgeführt. Dadurch kann der Tierarzt z.B. Bakterien, Tumorzellen oder Kristalle (aus diesen entstehen Harnsteine) feststellen. Idealerweise sollte eine Urinprobe des Hundes auch in ein Labor zu einer sogenannten bakteriellen Kultur eingeschickt werden.

Wenn der Tierarzt durch die Fragen und Untersuchungen einen starken Verdacht auf eine primäre Harnröhrensphinkter-Inkompetenz hat, können diese Untersuchungen erst mal ausreichen und es kann eine Versuchstherapie begonnen werden.

Bestehen noch Zweifel an der Diagnose, geht der Verdacht in eine andere Richtung oder bringt die Versuchsbehandlung keine Besserung, sind oft weitere Untersuchungen nötig. Dabei richten sich diese danach, was der Tierarzt als Ursache der Inkontinenz vermutet. Möglich sind z.B. Ultraschall- und/oder Röntgenuntersuchung des Bauches, Blutuntersuchung (Blutbild, Organwerte), eingehendere Untersuchung der Nerven (z.B. mittels Röntgen der Wirbelsäule oder Kernspintomographie), Untersuchung der Scheide der Hündin, endoskopische Beurteilung der Harnwege.

Behandlung der Inkontinenz beim Hund

Die Behandlung hängt davon ab, welche Ursache zu der Inkontinenz geführt hat. Eine anatomische Veränderung (z.B. ein ektopischer Ureter) oder ein Bandscheibenvorfall muss beispielsweise häufig in einer Operation behoben werden. Eine bakterielle Blasenentzündung wird dagegen mit Antibiotika behandelt. Liegt ein Harnröhrenverschluss vor, muss der erst mal behoben werden, bevor eine weitere Behandlung (z.B. der Blasenatonie) erfolgen kann.

Bei einer Inkontinenz durch Blasenatonie können Bethanechol-Tabletten (z.B. Myocholine-Glenwood) verabreicht werden. Dieses Medikament steigert die Muskelkontraktionen (also das Zusammenziehen) des Blasenmuskels. Allerdings können die Tabletten nur wirken, wenn noch genügend gesunde Muskelzellen vorhanden sind.

Behandlung der Harnröhrensphinkter-Inkompetenz

In den allermeisten Fällen kann die Kastrations-abhängige Inkontinenz bei Hündinnen mit Tabletten oder Sirup erfolgreich behandelt werden.

In erster Linie kommen hierbei sogenannte α-adrenerge Agonisten zum Einsatz. Sie stimulieren die Nerven am inneren Harnröhrensphinkter und führen so dazu, dass dieser die Blase wieder dichter verschließen kann. Den meisten Hunden mit Inkontinenz werden entweder Caniphedrin-Tabletten oder Propalin-Sirup verschrieben.

Propalin Sirup enthält den α-adrenergen Agonisten Phenylpropanolamin, während Caniphedrin-Tabletten den verwandten Wirkstoff Ephedrin enthalten. 75-90% der inkontinenten kastrierten Hündinnen werden durch die Behandlung mit diesen Medikamenten wieder vollständig kontinent (d.h., sie verlieren keinen Urin mehr). Bei betroffenen Rüden scheinen Propalin und Caniphedrin leider nicht so gut zu wirken. Vor allem bei Propalin-Sirup kann es allerdings auch bei Hündinnen nach einiger Zeit zu einem Nachlassen der Wirkung kommen.

Vereinzelt kann es bei Gabe von Propalin Sirup oder Caniphedrin-Tabletten als Nebenwirkung zu Durchfall, Appetitlosigkeit, beschleunigtem Puls, Herzrhythmusstörungen oder Erregungszuständen kommen.

Was tun, wenn der Hund trotz Propalin/Caniphedrin noch Urin verliert?

Wenn das Harntröpfeln trotz der Behandlung mit Propalin oder Caniphedrin noch vorhanden ist (oder nach längerer Besserung wieder auftritt), sollte überprüft werden, ob eine zusätzliche Ursache für die Inkontinenz vorliegt (z.B. eine Blasenentzündung).

Wird nichts gefunden, kann bei Hündinnen eine (zusätzliche) Hormon-Behandlung mit kurzwirksamen Östrogenen (Östriol, z.B. in Incurin-Tabletten) begonnen werden. Alleine sind sie bei ca. 60-65% der Hündinnen erfolgreich. In Kombination mit Propalin oder Caniphedrin kann die Wirkung noch besser sein, weil Östrogen die Wirksamkeit dieser Medikamente steigert.

Es gibt auch langwirksame Präparate, die seltener als 1 Mal täglich gegeben werden müssen. Diese sind zwar bequem, sollten aber trotzdem vermieden werden. Denn in seltenen Fällen kann es vor allem bei diesen Langzeitpräparaten zu einer lebensgefährlichen Knochenmarksuppression (Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark) kommen. Weitere mögliche Nebenwirkungen der Behandlung mit Östrogen sind Läufigkeits-ähnliche Symptome (wie geschwollene „Schamlippen“, Scheidenausfluss und Attraktivität für Rüden).

Falls auch Östrogen bzw. die Kombination aus Östrogen und Propalin bzw. Caniphedrin nicht wirkt – oder bestimmte Gründe gegen diese Medikamente sprechen – gibt es zur Behandlung der Inkontinenz unter anderem noch folgende Möglichkeiten:

  • Implantieren eines Deslorelin-Hormonimplantats (Suprelorin®) unter die Haut

    Dieses setzt ein Hormon namens GnRH frei. Das Implantat wird sonst eigentlich zur chemischen Kastration eingesetzt und deshalb oft als „Kastrations-Chip“ bezeichnet. Bei circa 50% der kastrierten Hündinnen soll es gegen die Inkontinenz wirken. Auch bei Rüden gibt es Erfolgsberichte. Dabei ist allerdings noch nicht ganz klar, wie es gegen die Inkontinenz wirkt.

    Wenn Nebenwirkungen auftreten, sind diese in der Regel mild (z.B. Haarausfall). Dennoch muss die Verwendung des Implantats gut mit dem Tierarzt abgesprochen werden, weil es für diese Anwendung eigentlich nicht zugelassen ist. Bei unzureichender Wirkung kann es auch mit Propalin oder Caniphedrin kombiniert werden.

  • Injektion von Kollagen

    Hierbei wird in einem minimalinvasiven, endoskopischen Eingriff Kollagen unter die Schleimhaut der blasennahen Harnröhre gespritzt. Dadurch wird der Widerstand des Sphinkters erhöht, so dass er dem Druck in der Harnblase besser standhalten kann. In Studien waren nach einer Kollagen-Injektion ca. 44-68% der Hündinnen komplett Inkontinenz-frei. Bei vielen anderen Hunden (ca. 15%) wurde die Inkontinenz besser und konnte mit Propalin Sirup kontrolliert werden.

    Leider hält die Injektion nicht für immer an – nach durchschnittlich 17-21 Monaten (Spanne von 1-64 Monate) ließ die Wirkung bei den an der Studie teilnehmenden Hündinnen nach. Die Behandlung kann dann jedoch wiederholt werden. Die Kollageninjektionen scheinen von den Hunden sehr gut vertragen zu werden.

  • Chirurgische Behandlung

    Es gibt sehr viele verschiedene Methoden um die Inkontinenz beim Hund chirurgisch zu behandeln. Allerdings ist in allen Fällen eine Operation und Narkose nötig. Daher können auch Komplikationen auftreten. Die Vor- und Nachteile einer Operation (und der einzelnen Operationstechniken) sollten deswegen mit dem Tierarzt abgesprochen werden.

Prognose

Die Prognose hängt stark von der Ursache der Inkontinenz ab.

Bei einer primären Harnröhrensphinkter-Inkompetenz kann i.d.R. keine Heilung erreicht werden, in den allermeisten Fällen kann sie mit einer Behandlung aber kontrolliert (60-90% der Hündinnen) oder zumindest verbessert werden.

Mögliche Komplikationen bei inkontinenten Hunden sind wiederkehrende bakterielle Blasenentzündungen und Hautentzündungen im Genital- und Dammbereich durch den auslaufenden Urin. Es sollte deswegen darauf geachtet werden, dass dieser Bereich sauber gehalten und gegebenenfalls mit milden desinfizierenden Mitteln (z.B. Chlorhexidin-Lösung oder Kamillentee) behandelt wird.

Vorbeugung gegen Blasenschwäche

Leider kann man nicht viel tun, um das Auftreten einer Inkontinenz zu verhindern.

Um das Risiko bei der Hündin so gering wie möglich zu halten, dürfte man sie eigentlich nicht kastrieren. Leider steigt dadurch aber wiederum das Risiko für andere Krankheiten – z.B. für die lebensgefährliche Gebärmuttervereiterung oder für Mammatumoren (Brustkrebs).

Weil übergewichtige Hunde häufiger von einer Blasenschwäche betroffen sind, sollte man seinen Hund aber auf jeden Fall schlank und fit halten.

Damit es nicht zu einer Schädigung des Blasenmuskels (Blasenatonie) durch eine Harnstauung kommt, sollte man einen Hund, der keinen oder fast keinen Urin absetzen kann (Anzeichen für eine Harnentleerungsstörung bzw. einen Harnröhrenverschluss) sofort zum Tierarzt bringen.

Auch bei Hunden mit den klassischen Zeichen einer Blasenentzündung (ständiger Harndrang, häufiges Absetzen kleiner Mengen Urin, Schmerzen beim Pinkeln) sollte man nicht lange abwarten und bald zum Tierarzt gehen.

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Quellen

15. Dezember 2017

Von Dr. Iris Wagner-Storz

2018-10-27T20:36:38+00:00

Über den Autor:

Als ursprüngliche Schwäbin bin ich 2007 nach München gezogen um Tiermedizin an der LMU zu studieren. Anschließend hab ich meine Doktorarbeit in der Dermatologie der Medizinischen Kleintierklinik München geschrieben – über eine neue Art der Immuntherapie bei Hunden mit Umweltallergie. Meine Lieblingsbereiche sind die Dermatologie, die Innere Medizin und Infektionskrankheiten. Ich bin stolze Dosenöffnerin für meine beiden Miezen Nini und Clyde, liebe alle Tiere (Katzen aber natürlich besonders) und habe eine Schwäche für Kuchen.