Das akute Nierenversagen ist ein lebensbedrohlicher Zustand, bei dem es plötzlich zu einem teilweisen oder vollständigen Verlust der Nierenfunktion kommt. Bei Katzen ist es oft die Folge einer Vergiftung, z.B. mit Lilien. Lesen Sie hier, wie Sie erkennen, ob Ihre Katze betroffen ist, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie die Prognose für Katzen mit Nierenversagen ist.

Akutes Nierenversagen (Katze): Zusammenfassung

  • Häufigkeit der Erkrankung: Gelegentlich

  • Schwere der Erkrankung: Sehr schwer

  • Vorkommen: Bei Katzen aller Rassen und Altersstufen möglich

  • Ansteckungsgefahr: Nicht ansteckend für Tiere oder Menschen

  • Typische Symptome: Teilnahmslosigkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, häufiges Absetzen großer Urinmengen und gesteigerter Durst ODER verringerter bis fehlender Urinabsatz

  • Verlauf: Akut (plötzlich)

  • Diagnose: Blut- und Urinuntersuchung

  • Behandlungsmöglichkeiten: Behandlung in der Klinik, Infusionen, evtl. Dialyse

  • Prognose: Vorsichtig bis schlecht

  • Zuständige Spezialisten: Spezialisten für Innere Medizin

  • Notfall! Sofort Tierarzt aufsuchen!

Beschreibung

Ein akutes Nierenversagen ist ein lebensbedrohlicher Zustand! Falls Sie vermuten, dass Ihre Katze betroffen sein könnte, sollten Sie sie unbedingt so schnell wie möglich zu einem Tierarzt bringen!

Bei einem akuten Nierenversagen (ANV) kommt es plötzlich zu einer so starken Schädigung der Nieren, dass diese ihre Funktionen nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt ausführen können. Ein akutes Nierenversagen kann als Folge einer ganzen Reihe von Ursachen und Ereignissen auftreten (z.B. bei Vergiftungen, nach Narkosen, bei Infektionskrankheiten). Es entwickelt sich innerhalb von Stunden bis Tagen nach dem auslösenden Ereignis.

Das Nierenversagen kann ein vorübergehender Zustand sein, wenn der Nierenschaden nicht zu groß ist und die erkrankte Katze die schwere, kritische Erkrankungsphase überlebt. Können die Nierenschäden dagegen nicht wieder vollständig behoben werden, kann das akute Nierenversagen in eine chronische Niereninsuffizienz übergehen.

Was passiert bei einem Nierenversagen?

Die Nieren führen im Körper einige einzigartige und lebenswichtige Funktionen aus. Unter anderem dienen sie als „Waschmaschinen“ des Körpers: Sie reinigen das Blut von schädlichen Abfallprodukten und Giftstoffen und scheiden sie über den Urin aus. Stoffe, die der Körper noch braucht (wie beispielsweise Zuckermoleküle), werden dagegen zurückgehalten und in den Blutkreislauf zurückgeführt.

Außerdem regeln die Nieren aber auch den Flüssigkeitshaushalt des Körpers: Je nach Flüssigkeitsbedarf scheiden sie mit dem Urin mehr oder weniger Wasser aus. Die Nieren sorgen also dafür, dass das Blut gefiltert, gereinigt und entgiftet wird, während sie gleichzeitig den Wasser- und Elektrolythaushalt stabil halten.

Damit sie diese Aufgaben ausführen können, fließt sehr viel Blut durch die Nieren hindurch. Ein Fünftel des Blutes, das das Herz mit jedem Schlag durch den Körper pumpt, ist für die Nieren bestimmt – jeden Tag fließt das gesamte Blut des Körpers so mehrere hundert Mal durch die beiden Organe!

Leider macht sie diese beeindruckende Durchblutung sehr anfällig gegenüber gefährlichen Giftstoffen (z.B. bei einer Vergiftung). Denn diese gelangen so in besonders großer Menge in die Nieren.

Die starke Versorgung mit Blut zeigt aber auch, wie viel Sauerstoff und Nährstoffe die Nierenzellen brauchen, um ordentlich funktionieren zu können. Wenn aus irgendeinem Grund zu wenig Blut in die Nieren gelangt, kann es daher schnell zum Sauerstoff- und Nährstoffmangel kommen.

Wenn einer dieser beiden Fälle eintritt – also gefährliche Giftstoffe mit dem Blut in die Nieren gelangen oder die Nierendurchblutung (stark) verringert ist – sterben die Nierenzellen ab. Eine solche Zerstörung von Nierengewebe kann aber auch bei verschiedenen Infektions- und Autoimmunkrankheiten auftreten.

Ist der Schaden dabei groß und sterben viele Nierenzellen ab, können die Nieren ihre Aufgaben nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt ausführen – es kommt zum akuten Nierenversagen.

Was sind die Folgen eines akuten Nierenversagens für den Körper?

Weil die Nieren für so viele lebenswichtige Aufgaben zuständig sind, sind die Folgen eines Nierenversagens für den Körper dramatisch:

  • Die Nieren können das Blut nicht mehr vollständig reinigen. Als Folge sammeln sich all jene schädlichen Stoffe im Blut an, die eigentlich herausgefiltert und über den Urin ausgeschieden werden sollten („harnpflichtige Stoffe“). Dadurch kommt es zu einem Anstieg der sogenannten Nierenwerte Harnstoff und Kreatinin (zwei harnpflichtige Stoffe) und letztlich zu einer lebensbedrohlichen Urinvergiftung (Urämie).
  • Auch das sensible Gleichgewicht des Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalts können die Nieren nicht mehr stabil halten. Es kommt zu gefährlichen Veränderungen, die ungehandelt zum Tod der Katze führen können.
  • Die Nieren sind auch nicht mehr in der Lage, die Flüssigkeitsausscheidung über den Urin (also letztlich die Urinmenge) an den Flüssigkeitsbedarf des Körpers anzupassen. Bei vielen Katzen kommt dadurch es zu einer gesteigerten Urinproduktion – sie pinkeln also deutlich größere Mengen als sonst (nicht-oligurisches Nierenversagen). Auf der anderen Seite kann die Schädigung aber auch dazu führen, dass die Nieren gar keinen oder nur noch sehr eingeschränkt Urin produzieren können, d.h. die Katzen pinkeln nur sehr wenig oder gar nicht mehr (anurisches oder oligurisches Nierenversagen). Dieser Zustand ist für den Körper der Katzen sogar noch gefährlicher – denn die Giftstoffe sammeln sich dann sehr schnell massiv an. Teilweise geht ein nicht-oligurisches in ein oligurisches oder anurisches Nierenversagen über.

Unterscheidung des akuten Nierenversagens von der chronischen Niereninsuffizienz

Im Gegensatz zur chronischen Niereninsuffizienz (bei der sich die Nierenschädigung i.d.R. über mehrere Monate bis Jahre entwickelt) tritt das akute Nierenversagen plötzlich auf. Die betroffenen Katzen sind schwer krank und zeigen heftige Symptome.

Anders als bei der chronischen Niereninsuffizienz kann der Nierenschaden außerdem reversibel sein, d.h. er kann möglicherweise vom Körper repariert und behoben werden. In diesem Fall bleiben keine langfristigen Schäden zurück.

Ein akutes Nierenversagen kann allerdings in eine chronische Niereninsuffizienz übergehen. Dazu kommt es, wenn die betroffene Katze zwar die schwere, kritische Erkrankungsphase übersteht, die Nierenschäden jedoch nicht wieder vollständig behoben werden können.

Auf der anderen Seite haben Katzen mit chronischer Niereninsuffizienz aber auch ein erhöhtes Risiko, ein akutes Nierenversagen zu entwickeln. In diesem Fall sind die Nieren nämlich schon von vorherein besonders anfällig für Schädigungen.

Insgesamt kommt die chronische Niereninsuffizienz bei Katzen deutlich häufiger vor als ein akutes Nierenversagen.

Symptome bei Katzen mit akutem Nierenversagen

Leider sind die Symptome bei einem akuten Nierenversagen oft sehr unspezifisch, d.h. es gibt keine eindeutigen Anzeichen, von denen man direkt auf das Nierenversagen schließen könnte. Dadurch ist es nicht ganz einfach, es zu erkennen.

Die betroffenen Katzen wirken meistens „krank“, sind teilnahmslos, wollen nicht fressen und ziehen sich zurück. Häufig erbrechen sie auch. Die Symptome entstehen i.d.R. relativ schnell (innerhalb von Stunden bis Tagen).

  • Sehr häufige Symptome:

    • Teilnahmslosigkeit (Apathie/Lethargie)
    • Appetitlosigkeit/keine Futteraufnahme mehr
  • Häufige Symptome:

    • Übelkeit und Erbrechen
    • Austrocknung (Dehydratation)
    • Vermehrtes Absetzen großer Mengen Urin und/oder vermehrte Wasseraufnahme (Polyurie und Polydipsie)
    • Fehlender oder verringerter Urinabsatz (Anurie oder Oligurie)
  • Gelegentlich auftretende Symptome:

    • Durchfall
    • Harnähnlicher Mundgeruch (urämischer Foetor ex ore)
    • Blutige Geschwüre (Ulzera) der Maulschleimhaut
    • Schmerzen beim Berühren des Bauches (im Bereich der Nieren)

Je nach Ursache des Nierenversagens können die betroffenen Katzen auch noch weitere Symptome zeigen (z.B. Krampfanfälle, vermehrtes Speicheln, Taumeln).

Vor allem wenn sich das „Pinkelverhalten“ einer Katze ganz plötzlich ändert (z.B. fehlender Urinabsatz oder plötzlich sehr viel mehr Urin als sonst) und evtl. auch noch andere, allgemeinere Symptome vorliegen (z.B. Teilnahmslosigkeit, Schmerzen, Unruhe, Erbrechen, Appetitlosigkeit etc.) ist das ein deutliches Warnzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt! In diesem Fall sollten Sie Ihre Katze sobald wie möglich zum Tierarzt bringen!

Ursachen und Risikofaktoren des akuten Nierenversagens

Ein akutes Nierenversagen kann als Folge einer ganzen Reihe von Zuständen, Erkrankungen und Ereignissen auftreten. Bei etwa einem Drittel der betroffenen Katzen kann der Auslöser allerdings nicht mehr festgestellt werden.

Gifstoffe

Am häufigsten wird ein akutes Nierenversagen bei Katzen durch Giftstoffe (sog. nephrotoxische, also nierenschädigende, Stoffe) verursacht. Hierzu werden auch einige Medikamente gezählt, bei denen es als (i.d.R. seltene) Nebenwirkung, aber  auch bei einer Überdosierung, zu einem Nierenversagen kommen kann.

Zu diesen Giftstoffen gehören unter anderem:

  • Liliengewächse (z.B. weiße Lilie, Feuerlilie, Stargazer-Lilie, u.a. Arten der Gattung Lilium, außerdem Arten der Gattung Hemerocallis (Taglilien))
  • Die meisten Schmerzmittel (vor allem bei Kombination mehrerer Schmerzmittel, bei älteren Katzen oder wenn eine Vorerkrankung besteht, z.B. chronische Niereninsuffizienz)
  • Verschiedene Antibiotika (v.a. sog. Aminoglykosid-Antibiotika wie Gentamicin)
  • Bestimmte Mittel gegen Pilzinfektionen (Amphotericin B)
  • Verschiedene Medikamente zur Chemotherapie (z.B. Doxorubicin, Cis- und Carboplatin, Azathioprin, Methotrexat)
  • ACE-Hemmer (Medikamente, die u.a. bei Bluthochdruck, Herzinsuffizienz und krankhafter Proteinausscheidung über die Nieren – z.B. bei chronischer Niereninsuffizienz – eingesetzt werden)
  • Überdosierung mit Vitamin D
  • Verschiedene Schwermetalle (wie Blei und Quecksilber) und Lösungsmittel
  • Schädlingsbekämpfungsmittel (Pestizide) und Unkrautvernichtungsmittel (Herbizide)
  • Kontaminiertes Futter, z.B. mit Melamin und Cyanursäure

Weitere Ursachen für Nierenversagen

Die folgenden Erkrankungen können ebenfalls zu einem akuten Nierenversagen führen:

  • Nierentumore (z.B. Lymphom)
  • Nierenbeckenentzündung (Pyelonephritis)
  • Blutvergiftung (Sepsis)
  • Immunsystem-vermittelte Krankheiten (z.B. systemischer Lupus erhythematodes, akute Glomerulonephritis, Vaskulitis)
  • Einige andere Krankheiten (z.B. Feline infektiöse Peritonitis/FIP, Bauchspeicheldrüsenentzündung/Pankreatitis, bakterielle Endokarditis/Herzinnenhautentzündung)

Außerdem kommen als Ursache für ein akutes Nierenversagen alle Zustände und Ereignisse in Frage, bei denen:

  • der Blutdruck stark erniedrigt ist (z.B. bei tiefen u./o. lang andauernden Narkosen, im Schock)
  • die Nierendurchblutung gestört oder unterbrochen ist (z.B. durch Blutgerinnsel, bei Herzversagen, Herzrhythmusstörungen, Herzbeuteltamponade)
  • das Blutvolumen (also die Menge des Blutes im Körper) stark erniedrigt ist (z.B. bei starker Austrocknung, bei starken Blutungen, bei einem Hitzschlag)

Risikofaktoren

Es gibt leider einige Erkrankungen und Zustände (Risikofaktoren), die es wahrscheinlicher machen, dass eine Katze ein akutes Nierenversagen entwickeln wird. Dabei gilt: Je mehr dieser Faktoren gleichzeitig zutreffen, desto höher ist das Risiko eines Nierenversagens.

Zu diesen Risikofaktoren gehören unter anderem:

  • Bereits vorhandene Nierenprobleme (z.B. chronische Niereninsuffizienz)
  • Fortgeschrittenes Alter
  • Austrocknung (Dehydratation), z.B. durch ungenügende Wasseraufnahme, Durchfall oder Erbrechen
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
  • Gestörter Elektrolythaushalt
  • Gleichzeitige Verwendung verschiedener Medikamente, die die Nieren schädigen können
  • Gleichzeitige Verwendung von harntreibenden Medikamenten (Diuretika, wie z.B. Furosemid) und potentiell nierenschädigenden Medikamenten
  • Herzerkrankungen, bei denen eine verminderte Pumpleistung des Herzens vorliegt
  • Lebererkrankungen
  • Blutvergiftung (Sepsis)
  • Fieber

Untersuchungen und Diagnose

Bei den Untersuchungen geht es einerseits darum, die Diagnose „akutes Nierenversagen“ stellen zu können. Andererseits wird der Tierarzt aber auch versuchen herauszufinden, was das Nierenversagen ausgelöst hat – denn nur dann ist eine gezielte Behandlung möglich.

Das ist wichtig, denn eine auf die Grundursache abgestimmte, frühzeitige Behandlung steigert nicht nur die Wahrscheinlichkeit, dass die erkrankte Katze überlebt – sie reduziert auch das Risiko, dass Nierenschäden zurückbleiben.

Der Tierarzt wird deswegen erst mal versuchen, möglichst viel über die Krankengeschichte (Anamnese) der betroffenen Katze zu erfahren. So wird er beispielsweise fragen, welche Symptome Sie beobachtet haben, wie lange diese schon bestehen, ob Ihre Katze in letzter Zeit Medikamente erhalten hat und ob Sie z.B. die Aufnahme von Pflanzen beobachtet haben. Er wird außerdem eine gründliche klinische Allgemeinuntersuchung durchführen. Im Anschluss folgen verschiedene weitere Untersuchungen:

Blutuntersuchung

Typischerweise kommt es bei einem akuten Nierenversagen zu einem Anstieg der Nierenwerte Harnstoff und Kreatinin (zwei harnpflichtige Stoffe, die eigentlich aus dem Blut gefiltert und ausgeschieden werden sollten). Die Nierenwerte kann man im Blut leicht messen. Aber auch Veränderungen des Säure-Basen-Haushalts und verschiedener Blutsalze (Elektrolyte) sind beim Nierenversagen häufig und können mittels einer Blutuntersuchung festgestellt werden.

Urinuntersuchung

Bei vielen Katzen mit akuten Nierenversagen sind die Nieren nicht mehr in der Lage den Urin ausreichend zu konzentrieren, d.h. es wird ein sehr „wässriger“ Urin produziert. Der Tierarzt kann dies festellen, indem er das sogenannte „Urin-spezifische Gewicht“ (USG) misst. Eine Urinuntersuchung kann außerdem Hinweise auf die zugrundeliegende Ursache geben (z.B. Bakterien und Entzündungszellen bei Nierenbeckenentzündung, spezielle Kristalle bei Frostschutzmittelvergiftung).

Weitere Untersuchungen

Meistens sind noch weitere Untersuchungen nötig, um die Diagnose zu bestätigen, den Auslöser des Nierenversagens zu identifizieren und die Behandlung zu planen. Häufig werden hierzu Ultraschalluntersuchungen und/oder Röntgenaufnahmen des Bauchraums durchgeführt (zur Feststellung von z.B. Harnsteinen, Harnröhrenverschlüssen, Tumoren etc.; oft sind die Nieren bei einem Nierenversagen auch vergrößert) .

Es kommen aber auch weitere Untersuchungen, wie beispielsweise eine Entnahme von Gewebeproben aus den Nieren (z.B. zur Diagnose eines Tumors), eine Untersuchung des Urins auf Bakterien, Messungen des Blutdrucks und/oder eine Messung der produzierten Urinmenge in Frage.